taste of witch blood

„The Witches Sabbath“ von Luis Ricardo Falero 1880

„We got the taste of blood – witch blood – and we haven’t stopped since.“ Das ist die Quintessenz der Splatter-Adaption von Hänsel und Gretel, die ich mir vor Kurzem anschaute. Diese Aussage, die Inszenierung und der Verlauf der Geschichte regte mich auf, denn für mich propagieren sie bloß eines: Hexenverfolgung! Vernichtung von Frauen, Unterdrückung weiblicher Freiheit und Stärke und Stärkung patriachaler Strukturen; und folglich auch in heutigem Kontext Verdrängung des Feminismus durch Verteufelung ihrer Errungenschaften.
Lassen wir die These mal stehen und fangen wir beim Auslöser dieser Gedanken an: Hansel and Gretel – Witch Hunters ist schon die vierte Hollywood Verfilmung der letzten Monate (Hansel & Gretel Get Baked, Hansel & Gretel – Warriors of Witchcraft und der Mockbuster Hansel & Gretel) des berühmten Märchen aus den Kinder- und Hausmärchen (KHM) der Gebrüder Grimm.

Diese Häufigkeit verwundert auch nicht wenn man an das letzte Jahr denkt. Das Jubiläum der KHM wurde mit drei Schneewittchen-Filmen gewürdigt, Snow White and the Huntsman, Mirror, Mirror und Grimm’s Snow White. In den Verfilmungen, welche näher an Disneys Interpretation als an die Erstausgabe der KHM gehalten ist, ist die inhaltliche Grundstruktur gleich: Eliminieren der bösen Stiefmutter aka Hexe. Dies geschieht durch Schneewittchen selbst, besonders in Snow White and the Huntsman, nicht mehr in Grimmscher und Disney Manier als Personifikation von Unschuld und Gutmütigkeit sondern als kriegerischer Anführerin.
Auch die Böse unterlief einen Wandel, von der noch menschlich anmutenden Mutter mit magischen Gadgets der Erstausgabe wurde die evil queen und Hexe. Im mittelalterlichen Kontext war selbst das Verspeisen von Kindern als Einverleibung der Jugend, im Sinne der Blutmagie, nicht unbekannt. Die Machtgier und der Schönheitswahn sind — wenn auch verstärkt — bis heute beibehalten. Björn Grau und Max Winde erklären diese in ihrem humorvollen Podcast Märchenstunde durch das mittelalterliche Adelsideal, der Symbiose von innerer und äußerer Schönheit als Machtprivileg, und belegen dies geschichtlich mit Queen Elisabeth und Maria Stuart.

Illustration von Hänsel und Gretel (© picture-alliance/dpa)

Klar und einfach ist immer noch die Trennung von Gut und Böse und dem finalen Sieg des Guten über das Böse. Dies funktioniert in KHM ebenso eindrucksvoll wie in den heutigen Mären der Hollywood-Filme und noch besser in Blockbuster-Märchen. Um auf den Film Hansel and Gretel – Witch Hunters zurückzukommen, findet sich bereits in der KHM-Version eine Hexe als Antagonistin. „Die Alte aber war eine böse Hexe, die lauerte den Kindern auf, und hatte um sie zu locken ihr Brodhäuslein gebaut, und wenn eins in ihre Gewalt kam, da machte sie es todt, kochte es und aß es, und das war ihr ein Festtag.“ (KHM 1812, 15) Die Dokumentation Hexenhaus. Die Wahrheit hinter den Märchen arbeitet heraus, dass die Hexe in diesem Märchen erst von den Gebrüder Grimm eingeführt wurde. Dafür gibt es etliche Gründe, zum einen liegt in Deutschland die letzte Hexenverbrennung erst einige Jahrzehnte zurück und ist somit ein vertrautes — wenn auch durch die Aufklärung wegrationalisiertes — Feindbild. Zum anderen ist oberstes Anliegen der Brüder eine nationale Identität durch kulturelle Wurzeln zu konstruieren und der deutschsprachige Raum ist mehr als andere Nationen Ursprung und Hochburg der Inquisition gewesen. So gelten in den KHM Hexen und in anderen europäischen Kulturen Feen, menschenfressende Riesen, Werwölfe und Vampire als die Personifikation des Bösen. Der wesentliche Unterschied zu anderen mythischen Figuren ist jedoch, wie ebenfalls in der Dokumentation eine belgische Märchenerzählerin betont, dass die Hexen oder die als jene verurteilten Frauen real waren. Durch die Hexen und den Teufel als mythische Antagonisten in den KHM können die Editoren außerdem eine christliche Moral- und Angstbotschaft vermitteln ohne familiäre Rollenbilder anzutasten, wie sich in den Bearbeitungen der späteren Versionen verdeutlicht. Zum negativen Frauenbild in den KHM streicht Nicole Lehnert heraus, „daß Frauen bei den bösen Figuren in den Grimmschen Märchen zahlenmäßig überrepräsentiert sind“ [Lehnert 1996, S. 34]. Diese charakterisiert Lehnert unter anderem durch hohes Alter, Hässlichkeit, Grausamkeit, Eitelkeit, Kenntnisse der Magie bzw. Macht. Letzteres wird bei Frauen negativ und bei Männern positiv bewertet [Vgl. S. 35]. Durch die Vernichtung der Hexe kann die Herstellung der bürgerlichen, patriachalen Ordnung eingeleitet werden — so sehen es auch Björn und Max in der Märchenstunde.
In aktueller Debatte stehen vor allem die psychologischen Auswirkungen der Gewalt im Vordergrund, wie im mit Brennende Hexe? Völlig in Ordnung! betitelten hr-Online-Artikel. Die Forschung, wie auch in der zuvor genannten Dokumentation, schlussfolgert jedoch, dass die Vernichtung der Hexe eine katharsische Befreiung der kindlichen Ängste und somit erwünscht sei. Welche Hassbilder hier jedoch im kindlichen und kollektiven Unterbewusstsein gestärkt werden, findet aber keine Erwähnung: alte, böse Frauen, die in der Einöde wohnen und Kinder mit Süßem anlocken.

Doch auch das Stereotyp der Grimmschen Hexe verändert sich in der amerikanischen Verfilmung. In dieser Fortsetzungsgeschichte sind die bösen Hexen verführerisch attraktiv, machtgierig, wissend und mit ihren okkultischen Ritualen mehr der Neutzeitlichen, christlichen Vorstellung von Dämoninnen, wie im malleus maleficarum niedergeschrieben, ähnlich. Diese Charakterzüge gepaart mit Kindsmord haben ein mythisches Pendant: Lilith.
Wie Siegmund Hurwitz analysiert, wird die Dämonin, Göttin oder mythische Figur Lilith seit der Antike von einem „Doppelaspekt“ geprägt: „Dem Manne gegenüber tritt mehr der Aspekt der göttlichen Dirne oder — psychologisch gesprochen — derjenige der verführerischen Anima auf. Der Frau dagegen kehrt sie vor allem den Aspekt der furchtbaren Mutter heraus.“ [Hurwitz 1998, S. 37] Weiters findet sich eine Legende der jüdischen Mystik, worauf sich Feministinnen, wie Judith Plaskow in “The Coming of Lilith” (1972), bezogen, als sie Lilith zu einem Symbol der weiblichen Emanzipation machten: „Der Lilithmythos symbolisiere die Selbständigkeit der Frau und den (bereits biblischen) Versuch der Männer, diese mittels einer höheren Autorität zu unterdrücken. In der Psychologie stehen sich hier zwei scheinbar gegensätzliche Eigenschaften der Frauen gegenüber — Sinnlichkeit, Leidenschaft, Sexualität (Lilith) und Mütterlichkeit, Bescheidenheit, Folgsamkeit (Eva).“ [Wikipedia: Lilith; Detailreicher beschreibt dies Dorothee Pielow in Lilith und ihre Schwestern, welche auch den Bezug zu Hexen erläutert.]

„Lilith“ von John Collier 1892

Diese Gegensätzlichkeit findet sich überraschender Weise auch in der filmischen Neubearbeitung, denn den schwarzen stehen weiße Hexen, u.a. Gretel, gegenüber. Im Kontrast zu den bösen Frauen sind diese — ähnlich der Eva — dem dominanten Mann, Hänsel, willig ergeben und aufopfernd. So tritt die Magie als Distinktionskriterium zurück und über bleiben die Boshaftigkeit, Wissen, Machtgier, Verlockung und weibliche Unabhängigkeit als Attribute des Bösen. Doch muss man eine Entwicklung in der Figur der Gretel erkennen. Während sie in den KHM nur Initiative ergreift, „weil der männliche Part diese bisher besetzte Rolle des Beschützers und Handelnden nicht mehr ausfüllen kann“ [Lehnert 1996, S. 26], tritt sie in der Verfilmung als Mitstreiterin und nicht alleinige Agentin. Ob dies eine emanzipatorische Entwicklung ist oder nicht, kann diskutiert werden.

Entzieht man dieses weibliche Streben nach Macht und Unabhängigkeit seinem märchenhaften Kontext, eröffnet sich ein Parallele zur feministischen Emanzipation und auf einmal ist alles nicht mehr so fiktiv und gewinnt an Aktualität. Die weiteren Adaptionen Hansel & Gretel Get Baked, Hansel & Gretel — Warriors of Witchcraft und vor allem der Horror-Mockbuster Hansel and Gretel vollziehen sogar diese Aktualisierung und betten das Märchen in die heutige Realität ein. Im Horror-Film wird zum Beispiel aus der alten Hexe eine ältere Dame, die erfolgreich eine Bäckerei führt und sozial angesehen ist, aber heimlich mit ihren Söhnen Kannibalismus betreibt.

Betrachtet man die ganze Thematik nicht nur kulturhistorisch sondern aus geschichtlicher Perspektive der Hexenverfolgung, zeichnet sich eine sich wiederholende Struktur ab:
Die Unterdrückung matriachaler Strukturen und feministischer Unabhängigkeit, bzw. Überlegenheit in Wissen, Sexualität und Macht durch Hetzerei und Verleumdung.
Als das Christentum in Europa durchgesetzt wurde, galt es heidnische Religionen und ihre AnhängerInnen auszumerzen. Wie in der ARTE/MDR Dokumentation Scheiterhaufen — Die große europäische Hexenjagd und in unzähligen Publikationen anschaulich dargestellt wurde, waren nicht wie in der mittelalterlichen Inquisition Häretiker beiden Geschlechts sondern ab Mitte des 13. Jahrhundert die Hexen, sprich vor allem der Zauberei bezichtigte Frauen, Ziel der christlichen Verfolgung. Auch wenn die Historiker in der Dokumentation argumentieren, dass diese Greuel vor allem aus der Armut der Bevölkerung entsprangen, gibt es auch etliche Thesen mit anderen Gründen. Diese erklären auch, warum gerade in Mitteleuropa dieses frauenfeindliche Gedankengut fruchtete und weniger anderswo. Aus feministischer Perspektive war die Inquisition eine Unterdrückung und Auslöschung des matriachalen Glaubens, mit all den heidnischen Göttinnen.
Waren die Motive und Rechtfertigungen im Mittelalter und der Neuzeit vor allem religiös, ist die Wiederaufnahme der Hexenanfeindung der Gebrüder Grimm gesellschaftlich begründet. Sylvia Paletschek verortet zur Zeit der Entstehung und Veröffentlichung der KHM einen Wechsel des Frauenbildes. Das Leitbild der intellektuellen, unabhängige(ren), lustvollen, intriganten und mächtigen Adeligen am Hofe und im Salon, à la Madame de Staël, wurde vom bürgerlichen Leitbild verdrängt:

Die Aufwertung durch die höfische Verehrung, aber auch ihre realen Einflußmöglichkeiten am Hof verschafften der adeligen Frau ein steigendes Prestige. Norbert Elias spricht deshalb davon, daß Frauen am Hofe „größere Macht als in irgendeiner anderen gesellschaftlichen Formation“ der ständischen Gesellschaft gehabt hätten‘. Das bürgerliche Frauenbild in seiner spezifischen Form der polarisierten Geschlechtscharaktere bildete sich Ende des 18. Jahrhunderts heraus‘. Zu diesem Zeitpunkt entwickelte sich eine breit geführte Diskussion über das Geschlechterverhältnis. Pädagogen, Schriftstellerinnen, Philosophen und Mediziner leiteten Charaktereigenschaften für „das“ weibliche und „das“ männliche Geschlecht aus der unterschiedlichen „Natur“ und Physiognomie von Frau und Mann ab. Diese sogenannten „natürlichen“ Charaktereigenschaften sollten universell gültig sein. Die Vorherrschaft des Mannes wurde nun aus der Natur und nicht mehr, wie zuvor, aus der religiösen Minderwertigkeit der Frau abgeleitet.
Um die Jahrhundertmitte bahnte sich dann der Wandel vom Ideal der „vernünftigen Frau“ zu dem der empfindsam-tugendhaften und passiven an. Schönheit wurde aufgewertet, Gelehrsamkeit galt nun plötzlich als Widerspruch zur „schönen Weiblichkeit‘. [Paletschek 1994, S. 161-2]

So wurde wiederum die Frau reduziert und eingeschränkt, doch diesmal gesellschaftlich über Normen und kulturell über Werke, wie die KHM der bürgerlichen, konservativen Grimm. Auch wenn dies ohne Blutvergießen geschah, war dieser Weg subtiler, nachhaltiger und effizienter, denn Kinder, denen bis heute diese Märchen vorgelesen werden, verinnerlichen diese Frauenbilder und Werte.
Heute blicken wir auf eine feministische Entwicklung zurück, die gegen diese Diskriminierungen und Rollenbilder ankämpfte und in westlichen Kulturen (nahezu) eine Gleichstellung der beiden Geschlechter erreichte. Etwas vermessen würde ich behaupten die westliche Gesellschaft ist am Höhepunkt dieser Emanzipation angelangt. Die heutigen Tendenzen wirken für mich eher rückläufig: Die feministischen Forderungen werden zunehmend abstrakter, in Diskussionen ins Lächerliche gezogen, wie zum Beispiel das generische Femininum, oder als Fehlentwicklung abgetan, wie Karrieremütter, Vorgesetzten oder Quotenfrauen. Medial vermittelte Rollenbilder, z.B. in Topmodel-Serien, und die Modezwänge werden immer konservativer und frauenfeindlicher. Gestern war ich zum Beispiel auf einer Party und war erschrocken, als frisch-operierte Barbies in masochistisch-hohen Schuhen und Porno-Kleidchen vorbei wackelten (und nicht falsch verstehen ich trage selbst gern sexy Kleider und Stilettos). Außerdem diskutiert man mehr eine Re-Emanzipation der verlorenen Männlichkeit — weg vom Metrosexuellen zum Nerd, Moustache und karierten Hemden.

So komme ich nun auch auf meine Grundthese zurück und stelle fest, dass die Wiederaufnahme des Hassbildes der Hexe die emanzipierten Frauen mit all ihrer Intelligenz, Macht, Freiheit und ihrem Selbstbewusstsein angreifen. Diese Filme wiederholen, was der Religion und Gesellschaft bisher nicht vollständig gelang, die Diskriminierung dieser und Protektion des konservativen Frauenbildes. Ein wesentlicher Aspekt ist, dass diese Unterdrückung nicht unbedingt von Männern allein initiiert ist, sondern ein Teil der Frauen selbst (ab der Neuzeit Christinnen und später Bürgerinnen) diese Entwicklung befürworten. Auch heute werden Mädchen nicht gezwungen sich diesem oberflächlichen Wahn der Topmodel-Welt zu fügen und sind die GegnerInnen arbeitender Mütter Frauen, die in ihrer konservativen Rolle aufgehen.

Meine Freundin setzte meiner These ein starkes Gegenargument entgegen: „Hexen und vor allem Märchen mit Hexen sind doch nur so beliebt, weil sie auf allgemein bekanntes Volksgut der Märchen oder Mythen zurückgreifen können. Sie sprechen Kindheitserinnerungen und Ängste an, ohne sie neu zu etablieren. Man packt sie einfach in die Strukturen des neue Genres und peppt sie mit hübschen Darstellern auf. Doch mit diesen Filmen verfolgt man hohe Gewinne aber keinen tieferen Sinn oder Moral.“
Zum Teil muss ich ihr auch jetzt Recht geben. Diese Blockbuster sollen in erster Linie — und wahrscheinlich auch einziger — Geld bringen und das tun sie auch. Doch ob intendiert oder nicht, bergen sie eine Gefahr: Denn wie bereits bei den KHM und deren Adaptionen werden unterbewusst alte Klischees bestätigt und Hassbilder des kulturellen Gedächtnisses durch leicht-rezipierbare, bekannte Formen und Inhalte rekonstruiert.
Außerdem stellt sich mir immer noch die Frage, warum jetzt und warum dieses Märchen? Erste Frage könnte mit den Grimm Jubiläen zusammenhängen, doch warum Hänsel und Gretel und nicht das bekanntere und beliebtere Aschenputtel oder Rotkäppchen? Im Gegensatz zu Schneewittchen und anderen Märchen sind diese wesentlich integrierter in die westliche — insbesondere amerikanische — Kultur und trotz Brutalität nicht so frauenfeindlich.
Eine nicht abwegige These wäre auch, dass durch die Renaissance des Märchens die Diskussion über die Verbrechen der Hexenverfolgung angeregt werden soll und die Sinnlosigkeit der Gewaltszenen auf die Dummheit dieses Hasses hinweist. Leider denke ich, dass diesen Unterhaltungsgenres die Kritikkraft und Anregung zur inhaltlichen Auseinandersetzung fehlt. Folglich sind die Einflüsse dieser Filme allgemein unterbewusst und nicht reflektiert, wie ich bereits zuvor erwähnte.

Ein weiterer Grund, die Hexenthematik in Filmen nicht zu verharmlosen, ist der aktuelle Umgang mit der Geschichte der Frauenverfolgung. Denn nach den vielen Völkermorden, Genozide etc. sind die Verbrechen jener Zeit an Frauen fast in Vergessenheit geraten, beziehungsweise aus öffentlichen Diskussionen verdrängt. Sofern Hexen thematisiert werden, sind sie fiktive Gestalten und klischeehaft überzeichnet. Aber nicht nur die Geschichte findet heute kaum noch Beachtung sondern auch, dass in Baden-Württemberg, Zentrum der neuzeitlichen und späteren Hexenjagd, immer noch das Ritual des Scheiterhaufens mit Hexenpuppe jährlich zur „Austreibung des Bösen“ — aber ohne Bewusstsein an die vergangenen Verbrechen –zelebriert wird. In wenigen Ländern ist dies nicht „harmloses“ Ritual sondern immer noch traurige Realität, wie zum Beispiel in Afrika (Vgl. hierzu den Sammelband von Schulte/Schmidt 2007).
Besonders bedenklich wird dies in Verbindung mit Feminismus. Wenn zum Beispiel der Papst und seine AnhängerInnen eine Abtreibungsbefürworterin eine Hexe schimpfen, wie es in den 1970ern Emma Bonino geschah (Porträt von Emma Bonino). Aber auch in unserem alltäglichem Sprachgebrauch verwendet man das Wort leichtfertig und ohne Bewusstsein für dessen feministisch-historischen Gehalt.
Doch gibt es auch positive Veränderung zu diesem Begriff und Stereotyp. So formierte sich im letzten Jahrhundert die feministisch geprägte Glaubensrichtung Wicca, auch als „Religion der Hexen“ bekannt und in etlichen medialen Darstellungen das Bild der Hexen als „junge, hübsche und selbstbewusste Frauen, die Magie einsetzen, um anderen Menschen zu helfen und die Welt ein wenig besser zu machen“ prägend (Näheres im Wikipedia-Beitrag Wicca). Der Artikel von Katja Dünnebacke beschreibt dies ausführlicher:

Eine neue Begeisterung für Hexen ist bereits seit einigen Jahrzehnten in Europa festzustellen; und diese Renaissance ist auf den Feminismus zurück zu führen. In den 70er Jahren traten erstmals italienische Frauen auf Demonstrationen mit dem alten Begriff der Hexe wieder auf. Sie protestierten 1977 gegen den Freispruch einer Gruppe junger Männer, die eine Frau vergewaltigt hatten.
In Deutschland gab es in den 80er Jahren im Rahmen der feministischen Bewegung sogenannte Walpurgisnachtdemos von links gerichteten Frauen. Dahinter steckte die Ideologie von der weisen, germanischen Frau, die bestimmte Rituale beherrscht und gezielt nutzt. Die Bezeichnung der Frauen über sich selbst als „Hexen“ sollte wohl zunächst eine Provokation, insbesondere der von Männern beherrschten Welt darstellen.
Dieses sehr feministische Image der Hexe läuft geradezu konträr zu dem derzeit in vielen Medien vermittelten Bild: Die Zauberinnen und Hexen bei „Buffy“, „Sabrina“ oder „Charmed“ sind alles andere als feministisch, im Gegenteil: Sie sind sexy, schick und bedienen das klassische Klischeebild der modernen Frau von heute. Das bestätigt auch eine britische Studie, der zufolge sich Mädchen heute eher an weiblich wirkenden Hexen orientieren, die auch gerne auf die klassischen Waffen der Frauen zurückgreifen. Das hat Rachel Moseley, britische Medienforscherin, herausgefunden, die moderne Hexendarstellungen in den Medien unter die Lupe genommen hat. Demnach seien die zurzeit gefragten Hexentypen solche, die Sexappeal und Power aufweisen. [Dünnebacke: „Der neue Hexenwahn“ 23-04-04]

Dieses Hexenstereotyp der 1990er Jahre führt folglich bloß zu einer Polarisierung, die ich schon vorher angedeutet habe: Böse, (ev. hässliche), lustvolle, machtgierige Hexe und gute, sexy, aufopfernde Hexe, die am Ende doch ihren Mann abkriegt. Selbst in der Serie Charmed, in welcher die Protagonistinnen auch ihre bösen Seiten erforschen, führen die Wahl zum Guten und konservative Familienideale letztlich zum „Happy Ending“. So hat sich die Struktur seit den Grimms nur in einem Punkt geändert: Die Guten können nun auch zaubern!

Einzige filmische Ausnahmen sind heute die Serie Once Upon A Time und die Literaturverfilmung Beautiful Creatures: Denn in beiden wird diese Dualität aufgebrochen; es gibt nicht das immer gewinnende Gut. Vielmehr finden sich differenzierte Frauenbilder mit guten und bösen Seiten, Klischées werden dekonstruiert und das Böse wird aus psychologischer Perspektive relativiert. In dem Fantasyfilm Beautiful Creatures werden zum Beispiel anfangs alle klassischen Hexenvorurteile aufgebaut: Böse kämpft gegen das Gute, während männliche Caster (Hexer — zum ersten Mal in diesem Post männliche Hexer!!!) frei ihre Seite wählen können, müssen sich Frauen ihrer unwillkürlichen Natur beugen. Der männliche Held ist der edle Beschützer der unschuldigen Maid vor ihrer eigenen, möglichen bösen Seite. Letztlich opfert sie sich sogar für ihre Liebe auf. Nach der Hälfte des Filmes war mir schon fast schlecht von all diesen überspitzten Klischees. Doch plötzlich endet alles ganz anders: Auch wenn das Böse, die eigene Mutter (Hallo Schneewittchen!), vernichtet wird. Nimmt die Hauptfigur ihr Caster-Schicksal selbst in die Hand und wird zu einer halb Guten, halb Bösen. Und der eigentliche „Prinz“ hat zu der ganzen Konfliktlösung nichts beigetragen, weil er von ihr handlungsunfähig gemacht wurde. Natürlich wäre es nicht Hollywood, wenn sie am Ende nicht doch wieder zusammen finden (auch wenn es im Buch angeblich nicht so ausgeht — das muss ich noch herausfinden).

Zusammenfassend, sind die Hexendarstellung in den populären Filmen und Serien der letzten Jahre von einem Kampf um Gut gegen Böse, Konvention gegen Emanzipation geprägt. Mit einem klaren Sieg der patriarchalen Konvention! Klischées werden aktualisiert und den bluttriefenden Wurzeln entfremdet, doch letztlich bleibt das Hassbild der Hexe bestehen und wirkt weiterhin auf unsere Gesellschaft ein.

Nachtrag am 14.4.2013:
Anfang der Woche ist Margaret Thatcher gestorben und bereits zwei Tage später wurde auf Youtube eine Montage des Oz-Songs „Ding Dong The Wicked Witch Is Dead“ geladen, das mit Aussagen wie „Rest in Pieces“ meine Argumente und Emotionen bestätigte. Denn dieses pietätlose Video verbindet erneut das Feindbild der „fiktiven“ Personifikation des Bösen und der emanzipierten Erfolgsfrau.
Außerdem hat mir eine Freundin den folgenden Artikel „Zwei Frauen wegen Hexerei in Papua-Neuguinea geköpft“ von orf.at (8.4.13) gesendet:

Im pazifischen Inselstaat Papua-Neuguinea sind laut einem Zeitungsbericht zwei ältere Frauen gefoltert und geköpft worden, nachdem sie mit Vorwürfen der Hexerei konfrontiert wurden. Die Frauen seien in der vergangenen Woche in ein Dorf verschleppt und drei Tage lang gefoltert worden, berichtete die Tageszeitung „Post-Courier“ heute.
Ihnen sei vorgeworfen worden, Hexerei zu praktizieren und für den Tod eines Lehrers aus dem Dorf verantwortlich zu sein. Die Frauen seien mit Messern und Äxten verletzt worden. Hinter ihrer Verschleppung steckten demnach Verwandte des Lehrers.
Polizei laut eigenen Angaben „hilflos“
Die Polizei, die zu Verhandlungen in das Dorf geschickt wurde, konnte nach eigenen Angaben nichts gegen die wütende Menge ausrichten. „Wir waren hilflos“, sagte der örtliche Polizeichef der Zeitung. Vor den Augen der Sicherheitskräfte wurden die Frauen schließlich geköpft.
Im verarmten Papua-Neuguinea sind der Glaube an schwarze Magie und Hexerei verbreitet. Erst vor einigen Tagen war berichtet worden, dass sechs Frauen unter Hexereiverdacht mit glühenden Eisen gefoltert wurden. Im vergangenen Monat wurde eine Frau bei lebendigem Leib verbrannt. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat die Regierung von Papua-Neuguinea aufgefordert, mehr gegen Gewalttaten in Zusammenhang mit angeblicher Hexerei zu unternehmen.

Erwähnte Filme und Märchen:
Once Upon A Time Edward Kitsis und Adam Horowitz (crea.) US: ABC, seit 2011.

Charmed Constance M. Burge (crea.) US: The WB, 1998 — 2006.

Hänsel und Gretel In: Kinder- und Hausmärchen Jacob und Wilhelm Grimm (ed.), Berlin: Realschulbuchhandlung, 1812. Nr. 15. (wikisource)
Hansel and Gretel – Witch Hunters Tommy Wirkola (dir.), US / Germany: Paramount Pictures / Metro-Goldwyn-Mayer / United International Pictures, 2013.
Hansel & Gretel Get Baked Duane Journey (dir.), US: Tribeca Film / Jinga Films, 2013.
Hansel & Gretel – Warriors of Witchcraft David DeCoteau (dir.) US: Lionsgate, 2013.
Hansel & Gretel Anthony C. Ferrante (dir.), US: The Asylum, 2013.

Sneewittchen (Schneeweißchen) In: Kinder- und Hausmärchen Jacob und Wilhelm Grimm (ed.), Berlin: Realschulbuchhandlung, 1812. Nr. 53. (wikisource)
Snow White and the HuntsmanRupert Sanders (dir.), UK / US: Universal Pictures, 2012.
Mirror, Mirror Tarsem Singh (dir.), US: Relativity Media / 20th Century Fox Home Entertainement, 2012.
Grimm’s Snow White Rachel Lee Goldenberg (dir.), US: The Asylum, 2012.

Beautiful Creatures Richard LaGravenese (dir.), US: Warner Bros. Pictures, 2013. Based on: Kami Garcia und Margaret Stohl: Beautiful Creatures New York: Little, Brown and Company, 2009.

Weitere Lektüre:
Nicole Lehnert: Brave Prinzessin oder freie Hexe? Zum bürgerlichen Frauenbild in den Grimmschen Märchen. Münster: WWU, 1996.
Sylvia Paletschek: Adelige und bürgerliche Frauen (1770 – 1870). In: Elisabeth Fehrenbach (Hrsg.): Adel und Bürgertum in Deutschland 1770 – 1848. München: Oldenbourg, 1994. S. 159-185.
Dorothee Pielow: Lilith und ihre Schwestern. Zur Dämonie des Weiblichen Düsseldorf: Grupello, 2001.
Rolf Schulte und Burghart Schmidt (ed.): Hexenglauben im modernen Afrika / Witchcraft in Modern Africa: Hexen, Hexenverfolgung und magische Vorstellungswelten / Witches, Witchhunts and Magical Imaginaries DOBU-Verlag, 2007.

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