Symbolik der Haare — Gender

Hair is perhaps our most powerful symbol of individual and group identity – powerful first because it is physical and therefore extremely personal, and second because, although personal, it is also public rather than private. Furthermore, hair symbolism is usually voluntary rather than imposed or `given‘. [S. 381]

Der amerikanische Soziologe Anthony Synnott analysierte 1987 die „contemporary hair patterns and symbols in popular culture and changes over time“. Er entwickelte ein System aus Oppositionen zur Erfassung der Bedeutungen und Funktionen von Frisuren. So sei zum Beispiel der Unterschied zwischen Frauen und Männern nach Synnott durch die konträren Haarkonventionen unterstrichen:

Their gender identity is usually not that tangled up with head hair, but may be strongly dependent on facial hair (beards and moustaches) and chest hair as symbols of masculinity. […] Blonde, perhaps, is seen as an essentially female color, like pink; with dark hair as primarily male colour. In these three dimensions of color, therefore, aesthetic taste, stereotypes and sex symbols, the opposite sexes seem to identify with opposite colors. This is entirely congruent with the advice of a well-known fashion consultant who advises that dark hair is a ‚power color‘, whereas blonde hair is a ‚fun color‘, quite unsuitable for business. This, he believes, is true for both men and women. […] What is beautiful for one gender is ugly for the opposite sex — the young man’s glory is a woman’s shame. [S. 388-90]

Zusammenfassend in der westlichen Kultur gelte Körperbehaarung als männlich und somit unweiblich, Frauen verbergen weiße Haare und Männer färben sich grau melierte Seiten um Reife und Seriosität zu vermitteln, blond sei weiblicher als dunkle Haare, und sie wechseln ihr Haardesign unterschiedlich häufig. Das letzte Beispiel hat mich besonders zum Nachdenken angeregt. Seine These ist, dass Frauen ihre Frisur häufig und radikal wechseln, während Männer bei einem Stil bleiben.

[Hair styles] not only make the same person look different, but the styles may be chosen to project different images of the self as glamorous, exotic, mature, competent, etc. Indeed, conventionally, norms for males tend to emphasize uniformity and mutual identity. [S. 385]

Abgesehen davon, dass ich aus meiner eigenen Erfahrungen heraus etliche Abweichungen aufzählen könnte und dies sich mittlerweile nicht auf die Geschlechteropposition allein bezieht sondern als konventionelles, (veraltetes) Schema zu betrachten ist, kann man diesen Gedanken etwas weiter spinnen. Menschen, egal ob männlichen oder weiblichen Geschlechts, wechseln mit ihren Frisuren und Äußeres auch ihre Identität oder Rolle. Die soziale Konvention diktiert Frauen, aber vermehrt auch Männern, ihr Äußeres stets den Trends und Launen der Modebranche anzupassen, dadurch greifen diese nicht nur in die Identitätsexpression von uns ein, sondern der stete Wechsel verhindert sogar jegliche Identitätsfindung.

Daraus erkennt man ein wesentliches Merkmal von Haarsymbolen: Sie sind nicht konstant, sondern variieren nach Kulturen und in der Geschichte. Folglich sind alle hier skizzierten Symbole immer auf einen Kulturkreis an einem bestimmten Zeitpunkt bezogen. Die kulturellen Grenzen und zeitlichen Wandel sind jedoch verschwommen beziehungsweise sind die Symbole Resultate komplexer und langwieriger sozialer Prozesse. So wurde das kurze Haupthaar bei Männern in Europa erst durch die Christianisierung im 11. und 12. Jahrhundert und die Modediktion ab dem 19. Jahrhundert gefördert (Siehe den Wikipedia Eintrag über „Langes Haar“). Zuvor war es kein Gender-, sondern Wohlstands- und soziale Schichtungsindiz (Näheres folgt dann im Teil Haarentfernung). Dieser in westlichen Kulturen weniger wirksame Eingriff der Religion in Genderdifferenzierungen, sei laut des selben Wikipedia Eintrages im Islam noch expliziter: „Islamische Kulturen machen einen klaren Unterschied zwischen den Geschlechtern. Frauen tragen langes Haar, während Männer kurzes Haar tragen sollen.“

Die Haarlänge war auch ein wesentliches Symbol und Ausdruck der Feministinnen gegen die Konventionen des Patriarchats und für Gleichstellung, indem sie sich die Männerfrisuren aneigneten. Die fortschreitende Emanzipierung der Frauen wurde und wird durch die Etablierung und Neufindung von Kurzhaarfrisuren und Androgynität in der weiblichen Modewelt begleitet. Dadurch verlor sie auch gleichzeitig ihre Brisanz und politisch-soziale Aussagekraft. Kurz oder lang ist heute für Frauen aber auch für Männer weniger ein politisches Statement, als eine Identitätsfrage. Dass die Konventionen sich nun mehr unterbewusst oder über Stereotype auswirken, veranschaulicht ein Gespräch mit meinem Papa. Zum Hintergrund: Er ist seit fast 35 Jahren Frisör, hatte fast immer Kurzhaarschnitte — natürlich immer ganz nach dem aktuellen Trend — und trägt seit etlichen Jahren die Haare fast schulterlang. Als ich ihn nach der Bedeutung dieses Wandels fragte, antwortete er: „Früher hab ich meine Frisur für Kunden ausgesucht. Ganz im Trend immer und angepasst an die Erwartungen. So konnte man sagen: ‚Ich hätte gern meine Haare so wie Sie.'“ Das weit verbreitete Phänomen, der Frisör ist ein wandelndes Frisurenmodel, fand ich schon immer etwas abstrus. Wie auch immer, er setzte seine Erzählung fort: „Doch irgendwann entschied ich mich für meinen Stil. Oft kommen noch ältere Kunden und meinen, ich soll mir die Haare doch wieder g’scheit schneiden lassen.“ Meine Frage, ob er sie sich wieder kurz schneiden lassen würde, negierte er entschieden.

Synnott, A. Shame und Glory: a Sociology of Hair. The British Journal of Sociology, 38.3 S. 381-413, 1987.

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