Symbolik der Haare – Sexualität

Ein besonders reichhaltiger Symbolkomplex kreist um die Sexualität. Vom Attraktivitätskriterium bis zum Zeichen von sexueller Reife spielen Haare eine essentielle Rolle. Eine von etlichen Studien schlussfolgerte zum Beispiel, dass die Haarfarbe unserer Eltern die Partnerwahl beeinflusse:

Parental characteristics were found to correlate positively with actual partner characteristics for both men and women. Regression analysis predicting partner characteristics from maternal and paternal traits (which controls for own traits) revealed the greater importance of the opposite-sex parent over the same-sex parent in predicting both hair and eye colour of actual partners. The findings may reflect an influence of parental colour characteristics on human partnerchoice. Attraction to opposite-sex parental characteristics is seen in a wide variety of animals where it is usually attributed to imprinting processes in infancy. (Little et al. 2003)

Weniger psychologisch und biologisch ist die symbolische Verbindung zwischen Haaren und sexuellem Verhalten oder Regulation. So nimmt generell mit der Haarlänge die Selbstbeherrschung ab. Edmund Ronald Leach stellte dies zum Beispiel in südasiatischen traditionellen Kulturen fest, in der offenes, langes Haar für Ungezügeltheit stehe. Hingegen symbolisiere kurzes, teilweise rasiertes oder streng zusammengebundenes Haar regulierte Sexualität, und eine Glatze Zölibat (vgl. Leach 1958). Dies gilt auch in der westlichen Kultur, in der geschlossene und keine Haare mit wallender, langen Mähne kontrastieren. Dem kann man noch die Opposition glatt und lockig hinzufügen. Dazu konnte ich zwar keine Studien finden, aber ich dachte an die Verbindung mit Ungezähmtheit, Widerspenstigkeit und Natürlichkeit. Außerdem fällt einem das Wortspiel von Locken und locken ein, das aber zu meinem Bedauern nach kurzer Recherche keine verborgenen, etymologischen Gemeinsamkeiten aufwies (nach duden.online Locke: althochdeutsch loc, ursprünglich = die Gebogene, Gewundene; locken hingegen althochdeutsch lockōn, wahrscheinlich verwandt mit ↑lügen althochdeutsch liogan). Eine weitere Erklärung für die verlockende Wirkung von Locken, auf die mich gestern meine Freundin Janina brachte, ist, dass die Haare fülliger wirken und Wellen mit den Kurven einer Frau harmonieren. Die Haarfülle kann wiederum mehr zu den biologischen Selektionsmerkmalen unserer Urtriebe gezählt werden, da sie Jugend und Gesundheit indizieren und folglich die Reproduktion sicher stellen. Das heißt natürlich nicht das lange, füllige Haare immer bevorzugt werden, denn viele andere soziale Faktoren spielen wesentlich bei der Partnerwahl mit. Doch erklärt es die unzähligen langhaarigen Lockenmähnen von Sexsymbolen quer durch die Geschichte. Besonders klar wird diese Symbolik in der Unterdrückung. Wenn vor allem Frauen ihre Haare verschleiert oder hochgesteckt in der Öffentlichkeit tragen müssen.

Im Gegensatz zu den geschlechtsbezogenen Bedeutungen aus dem vorigen Teil, gelten diese sowohl für Männer als auch Frauen. Folglich wirkt auch ein Mann mit längeren, offenen und vielleicht auch noch gewelltem Haar wie ein leidenschaftlicher Gigolo und umgekehrt beherrschter. Daher ist es kaum verwunderlich, dass man auf den Covers eindeutiger Bücher kaum einen frisch rasierten Schönling findet. Ebenfalls sozio-kulturell ist die sexuelle Attraktivität von bestimmten Haarfarben, wobei Synnott blonde Frauen — ganz im Sinne von „Men Prefer Blondes“ — und dunkelhaarige Männer als bevorzugte (Sex)Partner auszeichnete. Meiner Ansicht nach ist diese These nicht sehr stichfest und zu kulturell und historisch variabel.
Eine weitere Ausnahme erzählt eine Anekdote: Mein damaliger Boss, Bernd Weissbacher, erklärte einmal lachend von der Bauernweisheit, dass Männer die Haare am Hinterkopf verlieren große Liebhaber seien und jene mit Geheimratsecken die großen Denker.

Ein schon fast in Vergessen geratener Liebesbeweis ist die Locke der Geliebten. In Zeiten ohne Fotografie und Telekommunikation, war das Haar eine der intimsten und körperlichsten Zeichen von Zuneigung. Außerdem enthielt es meiner Meinung auch ein Versprechen auf zukünftige sexuelle Erfüllung. Noch klarer wird diese Bedeutung im Märchen Rapunzel. Dieses „schönste Kind unter der Sonne“, das zum Zeitpunkt ihrer körperlichen Reife – mit 12 Jahren – in einen Turm der Isolation gesperrt wurde. Der einzige Weg zu ihr führt über ihre ellenlangen Haare, blond wie aus „gesponnen Gold“. Dies gelingt dem jungen König nur mit den richtigen Worten. Als er dann ihr Haar erklommen hatte, geschieht in der Auflage aus 1812 folgendes:

Rapunzel erschrack nun anfangs, bald aber gefiel ihr der junge König so gut, daß sie mit ihm verabredete, er solle alle Tage kommen und hinaufgezogen werden. So lebten sie lustig und in Freuden eine geraume Zeit, und die Fee kam nicht dahinter, bis eines Tages das Rapunzel anfing und zu ihr sagte: »sag‘ sie mir doch Frau Gothel, meine Kleiderchen werden mir so eng und wollen nicht mehr passen.« Ach du gottloses Kind, sprach die Fee, was muß ich von dir hören, und sie merkte gleich, wie sie betrogen wäre, und war ganz aufgebracht. Da nahm sie [42] die schönen Haare Rapunzels, schlug sie ein paar Mal um ihre linke Hand, griff eine Scheere mit der rechten und ritsch, ritsch, waren sie abgeschnitten. Darauf verwieß sie Rapunzel in eine Wüstenei, wo es ihr sehr kümmerlich erging und sie nach Verlauf einiger Zeit Zwillinge, einen Knaben und ein Mädchen gebar.

Die in den späteren Auflagen zensierten, eindeutig sexuellen Freuden zwischen Rapunzel und ihrem jungen König beginnen jeweils mit dem „hinaufgezogen werden“ an den Haaren. Somit ist das außergewöhnliche Haar von Rapunzel mehr als nur ein Zeichen von Schönheit sondern wird zum sexuellen Vorakt, zur ersten körperlichen Attraktion.

Sif (1909) by John Charles Dollman

Ähnlich wie die Fee wird auch Sif, der Gattin von Thor, das goldglänzende Haar geschoren:

Loki, Laufeyjas Sohn, hatte der Sif hinterlistiger Weise alles Haar abgeschoren. Als Thor das gewahrte, ergriff er Loki und würde ihm alle Knochen zerschlagen haben, wenn er nicht geschworen hätte, von den Schwarzelfen zu erlangen, daß er der Sif Haare von Gold machte, die wie anderes Haar wachsen sollten. [c. 35]

Durch den gewaltsamen Verlust der Haare verwehrt die Fee den physischen Kontakt zum jungen König und – auch wenn es nicht explizit ist – verliert Sif mit den Haaren auch ihre Funktion als Gattin. Neben dem Entzug der sexuellen Attraktivität, geht Anthony Parfait sogar weiter und verbindet dies mit der Trichophilia (Haarfetisch) basierend auf Sigmund Freuds These der weiblichen Kastration:

Von hier aus glaubt man, wenn auch aus der Ferne, das Benehmen des Zopfabschneiders zu verstehen, bei dem sich das Bedürfnis, die geleugnete Kastration auszuführen, vorgedrängt hat. Seine Handlung vereinigt in sich die beiden miteinander unverträglichen Behauptungen: das Weib hat seinen Penis behalten, und der Vater hat das Weib kastriert. [S. 317]

Trichophilia ist kein besonders verbreiteter Fetisch, laut englischer Wikipedia 7% der Bevölkerung, und kann auch viele Formen annehmen. Weiters gibt es auch etliche „Ticks“ rund um das Haar. Eines wird sogar Rapunzel Syndrom genannt, in dem Menschen Haare essen, und ist ähnlich dem Zwang Haare auszureißen (Trichotillomanie).

Wieder zurück zur Relation Haare und Sexualität, gibt es etliche Studien die den Haarwuchs und die sexuelle Orientierung untersuchten, wie zum Beispiel die von Rahman et al.:

Hair whorl direction is a somatic feature that is organized early during neurodevelopment and unlikely to be influenced by social factors. This study aimed to replicate a widely reported association by A. J. S. Klar (2003) between counterclockwise hair whorl direction and homosexuality in men, using more objective methodology. The authors took digital photographs of parietal surface hair whorls from 100 heterosexual men and 100 homosexual men who were predominantly right-handed. These images were rated for clockwise and counterclockwise direction (for which no more than 1 hair whorl was present) by 2 raters unaware of sexual orientation. The authors found no significant difference between heterosexual and homosexual men in hair whorl direction, but the authors did replicate the fraternal birth order effect (more older brothers for homosexual men). Number of older sisters was positively correlated with counterclockwise hair whorls in heterosexual men.

Diese und weitere Studien in diesem Kontext basieren auf der These, dass sexuelle Orientierung genetisch veranlagt sei. Doch wie auch die Studie von Rahman et al. konnten keine eindeutigen Beweise für ein Homo/Hetero/*-Gen gefunden werden. Außerdem hätte dies in unserer leider noch immer teilweise homophoben Gesellschaft weitreichende Konsequenzen wie die Grauen der Eugen(et)ik und Distinktion, die unsere Geschichte bereits vorexerziert hat und dystopische Gesellschaftsentwürfe kritisieren.

Freud, S. „Fetischismus“, In: Gesammelte Werke, Bd. 14, Frankfurt: Fischer. (1927) 1948.
Leach, E. R. „Magical Hair“, The Journal of the Royal Anthropological Institute of Great Britain and Ireland, 88.2, 1958. S. 147–64.
Little, A.C., Penton-Voak, I.S., Burt, D.M. und Perrett, D.I. „Investigating an Imprinting-Like Phenomenon in Humans: Partners and Opposite-Sex Parents have Similar Hair and Color“, Evolution and Human Behavior, 24.1, 2003. S. 43-51.
Grimm, J. und W. (Hg.): Rapunzel. In: Kinder- und Hausmärchen. Band 1, Berlin, 1812/15, S. 38-43. (wikisource.org).
Parfitt, A. „Fetishism, Trangenderism and the Concept of ‚Castration'“, Psychoanalytic Psychotherapy, 21.1, 2007. S. 61-89.
Rahman, Q., Clarke, K. und Morera, T. „Hair Whorl Direction and Sexual Orientation in Human Males“, Behavioral Neuroscience, 123.2, 2009. S. 252-6.
Snorri Sturluson: Aus der Skalda (Skáldskaparmál) Aus: Snorra-Edda. Stuttgart: J. G. Cotta, 1851 (wikisource.org).

1 Kommentar

  1. p.minks (Beitrag Autor)

    Nachtrag: Die Einstellung zu Sexualität in unterschiedlichen Kulturen hinterließ auch linguistische Spuren bei der Körperbehaarung. So zeugen deutsche Begriffe, wie „Schambehaarung“ oder „Intimbehaarung“, aber auch das kroatische Wort „stidne dlake“ (Intimbehaarung) von einer äußerst privaten bis negativen Beziehung. Die romanische („pilosité pubienne“, „peli del pube“, „vello pubico“, „pelos púbicos“, „par pubian“) sowie andere germanische („pubic hair“, „pubeshår“) oder slawische Sprachen („pubické ochlupení“, ) hingegen referieren nur auf die lateinische Bezeichnung für „erwachsen“, was uns durch „Pubertät“ vertraut ist. Interessant ist, dass das Adjektiv „pubes“ auch mit „männlich“ oder „mannbar“ übersetzt wird. Also nicht nur geschlechtliche Reife, sondern Zeugungskraft im Gegenzug zur „fecunditas“ der Frauen bedeutet – dies wird deutlich da mit „pubes“ auch Barthaare bezeichnet werden. Im Polnischen bezeichnet „Owłosienie łonowe“ völlig neutral nur die Körperstelle der Behaarung.
    Doch nicht jede germanische Sprache ist so wertend: im Dänischen („kønshår“, „pubeshår“, „intimbehåring“) oder Niederländischen („pubisbeharing“, „schamhaar“) sind beide Begriffe vorherrschend. Die Gründe für diese Unterschiede sind spekulativ sowie, ob religiöse, soziale, historische oder kulturelle Rückschlüsse resultieren.
    Falls du noch eine andere Übersetzung kennst, schreib sie doch einfach im Comment hinzu. Ich freue mich!!

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