living close and becoming Granny

In letzter Zeit ist mein Blick sehr oft in die Zukunft gerichtet. Nicht unbedingt in meine individuelle, sondern unsere Zukunft. Wie werden wir leben in sagen wir 30 oder gar 50 Jahren? Demographisch sind sich die Forscher einig wird, es wird sehr eng und alt werden — sollte es nicht zu einer katastrophenbedingten oder explosiven Dezimierung der Bevölkerung kommen. Da die Menschheit geschichtlich gesehen bis jetzt stets Wege gefunden hatte einer Überbevölkerung vorzubeugen, können wir (oder der überlebende Teil von uns) getrost in eine Welt mit genügend Platz für alle sehen. Doch ob dieser Freiraum auch wirklich lebenswert bleibt, ist fraglich. In der Heterotopie He, She, It, die mich seit ein paar Tagen völlig einnimmt, beschreibt die Autorin, Marge Piercy, eine zukünftige Erde, die durch die schädliche UV-Strahlung, bedrohliche Wetterzustände, steigenden Meeresspiegel und sinkender Anbaufläche, nur künstlich bewohnbar ist. Diese geschützten Lebensräume sind natürlich begrenzt und geben Menschen oder Institutionen die Macht der Exklusion.
Vom Lebensraum zur Lebenszeit.
Aus Gründen, die so alt sind wie die Menschheit selbst, versuchen wir unseren Ängsten vor Alter oder eigentlich dem Sterben, dem Loslassen und dem Losgelassen werden zu entrinnen. Doch durch das Fehlen der Religion, den resultierenden Unglauben an ein Leben nach dem Tod, die Unmöglichkeit einer Fortsetzung seiner Selbst, und der Konfrontation mit dem Nichts ist diese Angst so zentral in unserer Zeit, dass sie zum Trauma wurde. Sie wurde unterdrückt, verdrängt, ausgeblendet — ein Tabu. Der Diskurs des Todes verstummte… und während die Psyche traumatisiert wegsieht, verspricht der Verstand Lösungen und das Ende des Alterns:
Die Medizin und die Nanobiologie wollen dies ermöglichen (Ich zähle hier bewusst nicht die Kosmetik hinzu, denn das Kaschieren und Maskieren von Alterserscheinung ist aus der Mode geraten. Wozu sollte ich mir meine grauen Haare färben und die Falten überdecken, wenn ich den Prozess des Alterns selbst stoppen kann oder rückgängig machen kann?) Dies versprechen zum Beispiel auch die Autoren Ray Kurzweil und Terry Grossman in The Fantastic Voyage. In einem 3-bridges-Plan gehen sie gegen das Altern vor. Gestützt auf (2008 erschienen) Forschungen und Studien wenden Sie alle Mittel an, von Ernährung und Lebensberatung als Vorbeugung über Alternativmedizin bis hin zur futuristischen Nanomedizin und -technologie.
Unerwähnt bleibt natürlich die Elitarität dieser Unsterblichkeit. Die bereits heute zu verfolgende Ungleichheit und wirtschaftliche Machtausübung beschreibt Lawrence Lessig:

There are more than 35 million people with the AIDS virus worldwide. Twenty-five million of them live in sub-Saharan Africa. Seventeen million have already died. Seventeen million Africans is proportional percentage-wise to seven million Americans. More importantly, it is seventeen million Africans.
There is no cure for AIDS, but there are drugs to slow its progression. These antiretroviral therapies are still experimental, but they have already had a dramatic effect. In the United States, AIDS patients who regularly take a cocktail of these drugs increase their life expectancy by ten to twenty years. For some, the drugs make the disease almost invisible.
These drugs are expensive. When they were first introduced in the United States, they cost between $10,000 and $15,000 per person per year. Today, some cost $25,000 per year. At these prices, of course, no African nation can afford the drugs for the vast majority of its population: $15,000 is thirty times the per capita gross national product of Zimbabwe. At these prices, the drugs are totally unavailable. These prices are not high because the ingredients of the drugs are expensive. These prices are high because the drugs are protected by patents. The drug companies that produced these life-saving mixes en- joy at least a twenty-year monopoly for their inventions. They use that monopoly power to extract the most they can from the market. That power is in turn used to keep the prices high. [Lawrence Lessig, Free Culture. S. 257-8]

So wird die künstliche Jugend zum Luxusgut werden und die Masse alt bleiben. Doch wie wird es sein in einer Gesellschaft, in der die Reichen nicht älter werden? Statisch. Denn wie kann es Fortschritt und Veränderung geben, wenn die Machtinhaber nicht den Platz an die Jüngeren abgeben und trotz ihrer Aktivität und Vitalität doch an ihren veralteten Einstellungen und Werte festhalten.
Abgesehen von den spezifischen Visionen und Tendenzen einer Disziplin, sind auch generell in der westlichen (und mit Globalisierungsverzerrungen in der gesamte) Gesellschaft Bewegungen zu einem Streben nach langem Leben oder gar Unsterblichkeit erkennbar. Neben dem bekannten Jugendwahn in Medien und Marktwirtschaft, gibt es noch die subtilere Tabuisierung des Todes und Manifestationen der Angst: junge Alte und Altersheime, Mythos Vampire, allgegenwärtige sexuelle Stimulation (Sex als Zeichen von Leben), Tablettensucht etc.
Ich würde sogar weitergehen, dass wir nicht nur nicht alt werden wollen, sondern dass wir neurotisch auf unserer Kindsein verharren wollen. Oder nein, ich muss mich korrigieren: Es wäre falsch zu sagen, dass wir das wirklich wollen. Aber die Medien und die Ökonomie wollen, dass wir das wollen. Enthaarungswahn, Skinny Style (auch wenn dies meist mehr Todes-, als Kinderform annimmt), Verhütung etc lassen uns Kinder werden oder bleiben — infantile, verantwortungslose, unselbstständige Konsumenten und Produzenten. So ist es heute anscheinend normal, dass eine 40-Jährige mit ihrer Hello Kitty-Tasche durch die Innenstadt zieht und der Papa oder die Mama mehr PS3-Spiele zockt als deren Kinder. Dies ist natürlich harmlos im eigentlichen Sinn und schließt nicht aus, das die Hello Kitty-Fanatikerin nicht eine realistische, eigenständige Frau ist und die Eltern verantwortungsvoll ihr Kind erziehen. Doch ist es wichtig die Tendenzen, so subtil oder harmlos sie auch sein mögen, zu erkennen und sich bewusst zu werden, dass nicht jeder sich dem entziehen wird.
In Kombination mit dem steigenden Alter ändert sich auch die soziale Altersstruktur: Das Alter wird immer älter. Soziologisch unterscheidet man bereits zwischen zwei Arten von Altsein: Aktives und hohes Alter. Die sich mit den Vorzügen des Erwachsenenalters (finanzielle Kaufkraft, Selbstständigkeit, Aktivität, etc) aber ohne deren Nachteilen (Erwerbstätigkeit, Familienverantwortung, etc) und den Verlusten des eigentlichen oder hohen Alters auszeichnet. So wird diese neue Lebensphase in positives Schillern gehüllt und für kurze Zeit eine Übergangsoase geschaffen, die uns wie in einer zweiten Kindheit konsumieren lässt. Doch dies wird nicht lange währen, denn dies ist finanziell nicht tragbar. Der „zahlende“ Staat reagiert mit Anhebung des Pensionsalters, Senkung der staatlichen Renten oder Motivation zur ehrenamtlichen Tätigkeit. So wird für die Zukunft keine neue Altersstruktur geschaffen, sondern jede verlängert. Wir sind länger jung, länger erwachsen und länger alt als unsere Ahnen.
Dies wirkt sich auch auf die Familienstrukturen aus. Auch hier lieferte mir He, She, It Anstoß für meine Überlegungen. Im Roman wird die Protagonistin von ihrer Großmutter aufgezogen und ihre Mutter lebt ihr junges Leben weiter. Dieses Modell scheint mir eine Konsequenz der längeren Lebensphasen zu sein. Denn im biologischen Elternalter 16 – 35 sind (und werden wir auch in Zukunft sein) sozial noch zu jung zur Familiengründung. Wir sind in dieser Jugendzeit noch mit uns selbst — dem Studium, der Karriere, dem Vergnügen — beschäftigt, haben oft ein instabiles Einkommen (durch die steigende Mobilität in Lebensort und Lebenslauf) und noch instabilere Beziehungen. Während heute immer mehr das frühere Großelternalter (ab 40) dem Erwachsenenalter entspricht und der Familie geeigneter erscheint.
Hinzu kommt die Diskrepanz zwischen dem beschriebenen sozialen Alter und biologischen. Denn auch wenn wir älter werden oder besser gesagt länger jung bleiben, ändert sich der biologische Rhythmus der Frau nicht — außer wir zögerten medizinisch die Wechseljahre hinaus. Das risikolose Gebäralter bleibt jedoch bei unter 35 Jahren. Dieses Problem spiegelt sich in den „Karrieren+Kind“-Debatten und „16 und Eltern“-Voyeuristen-Shows wider.
Doch was für Konsequenzen hat es wenn Kinder von ihren Großeltern aufgezogen werden? Die Eltern können ihre Jugend und Freiheit ausleben, ohne später auf Kinder verzichten zu müssen — sofern sie darauf vertrauen, dass ihre Kinder wiederum Kinder bekommen. Die Großeltern ziehen ebenso ihre Vorteile aus dieser Verschiebung. Nach beruflichen Erfolgen und den Stürmen der Jugend freuen sich viele 50+Jährige – jedenfalls in meiner Umgebung – auf Kinder. Schön wenn ihre eigenen Kinder auch einen Kinderwunsch hegen. Dies ist jedoch nicht immer der Fall – was auch für die Jungen viel Druck bedeutet wie ich selbst erfahre. Besonders traurig ist dies, wenn (besonders für Frauen) keine Kinder da sind.
Doch wie in der Gesellschaft öffnet sich die Schere zwischen Jung und Alt. Denn die morgige Jugend bekommt die Werte der Großelterngeneration anerzogen. Folglich wird entweder der Generationenkonflikt verstärkt oder der Fortschritt und Weiterentwicklung gebremst.
Aber wäre dies so neu? Spätestens seit der feministischen Unabhängigkeit der Frau und der Destabilisierung der klassischen Familie durch Berufstätigkeit, Scheidung und Alleinerziehen ist die Verantwortung der Kinderziehung an Andere, innerhalb und/oder außerhalb der Familie abgegeben worden. Schon meine Großmutter wuchs bei ihrer Großmutter auf, da ihre Mutter berufstätig war.

***Die Gegenwart ruft — Fortsetzung folgt***

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