Kriegerprinzessin: Wonder Woman

Unsere Reise durch die Abenteuer der Kriegerprinzessinnen führt uns direkt in die Welt der Superhelden – und nicht irgendeine sondern DIE Superheldin. Gleichzeitig steckt aber noch soviel mehr in Wonder Woman als ein ass-kicking-superhero, und vielleicht auch eine richtige Kriegerprinzessin?

Amazon Princess

In allen Quellen und Adaptionen ist eines klar: Diana ist die Tochter der Amazonenkönigin Hippolyte und in der aktuellen Storyline von The New 52 folgt sie ihrer Mutter auf den Thron. Vater gibt es keinen, denn anders als die anderen Amazonen erschuf sie Hippolyte mit der Unterstützung von Athene und Aphrodite ähnlich einem Golem. Ihre ungewöhnliche Geburtsgeschichte wirft Kritik unter den Amazonen auf; denn ist sie eine wahre Prinzessin, obwohl sie aus Ton erschaffen wurde? Hippolyte sagt ganz klar ja, denn nach ihr bedeutet der fehlende Vater Reinheit und Amazonenideal:

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Wonder Woman. The New 52: #02, 2011

Aufgewachsen unter Kriegerinnen, bleibt sie bis zu ihrer Begegnung mit Steve Trevor unberührt und „perfect“.

Die Geschichte des Golem-Babys hält sich bis 2011, als in den The New 52 diese als Vertuschung von Hippolytes Affäre mit Zeus erzählt wird. Als Bastard von Zeus reiht sie sich in die Liga der heldenhaften Halbgötter und Halbgöttinnen ein. Diese Herkunft würde nicht nur ihre übernatürliche Stärke erklären, sondern die Parallele zu Artemis verstärken…

Göttliche Kriegerin

THE DEATH OF AKTAION http://www.theoi.com/Gallery/K6.1B.html

THE DEATH OF AKTAION http://www.theoi.com/Gallery/K6.1B.html

Artemis oder im alten Rom Diana – die Namensgleichheit mit Wonder Woman ist wohl kaum zufällig – ist die Tochter Zeus‘, Göttin der Jagd und generell Beschützerin der Frauen und Mädchen. Attribute, die auch Wonder Woman auf eine gewisse Weise zugeschrieben wurden. In manchen Geschichten zeigt sich auch ihre gewalttätige und tödliche Seite: Die schöne Artemis badete in elysischer Ruhe, als sie einem Spanner gewahr wird. Die Strafe für Voyeurismus bei jungfräulichen Göttinnen: Hetzjagd und Tod.

Ihre einzigen Begleiterinnen sind die Nymphen – vergleichbar zu den Amazonen der Superheldin. Wie die bisherigen Kriegerprinzessinnen und ihre Halbschwester Athena bewahrt auch Artemis ihre Stärke durch Jungfräulichkeit. Abgesehen von einzelnen Liebschaften, die meist von einer weniger emanzipierten Phase in Wonder Womans Geschichte begleitet werden, bleibt auch die Amazonenkriegerin unabhängig und abstinent. Hinzu kommen ihre martiale Ausbildung als Amazone und ein paar Wunderwaffen, und schon haben wir unsere perfekte Superkriegerin.

Zwei weitere Göttinnen nehmen Einfluss auf Wonder Woman und ihre kriegerischen Eigenschaften und zwar ihre „Geburtshelferinnen“ und Schwurgöttinnen Aphrodite und Athene. Doch die beiden Göttinnen stehen für diametrale Konzepte: Aphrodite verkörpert Liebe und Lust, und Jungfräulichkeit und Kriegskunst stehen auf Athenas Seite. Wie geht das in eine Person? Ihr Schöpfer Marston vereinte diesen scheinbaren Dualismus über seinen SM-Pazifismus. Als Sexsymbol wurde Diana begehrt, ging jedoch keine Beziehung ein. Sie brachte Liebe und Frieden in die westliche Welt ohne Gewalt auszuüben, sondern durch eine defensive Kampfkunst und Bondage-Tricks:

In 1942, (…) Marston expressed his message with a fierce, desperate urgency. He argued that men would never stop fighting until women controlled them (Richard 1942: 10 and 11). For Marston, the war only proved the vital need for female dominance and male submission. (…) for Marston, Wonder Woman represented „the trend toward male acceptance of female love power“. (Call 2013, 13)

Vom Brechen und Anlegen der Ketten – Feminismus

Ihre Stärke war in den ersten Comics zugleich auch ihre Schwäche, da sie all ihre Kräfte verlor, wenn ein Mann ihre Armbänder aneinanderkettete oder sie fesselte:

Wonder Woman would continue to pursue liberation from undesired forms of bondage throughout her career. This project was closely allied with Marston’s feminism. Tied by the neck and ankles to railroad tracks, her arms and knees bound, Wonder Woman faces almost certain doom (Marston and Peter 1944/2003: 34). But her mother, Queen Hippolyte, sends her a powerful telepathic message: „Daughter, rouse yourself!“ Burst your bonds of mind and body!“ This could stand as a slogan for Marston’s civic feminism, and her Hippolyte looks very much like a feminist mother passing her liberationist values on to the next generation.

Almost from the beginning, Marston equipped Wonder Woman with her own instruments of bondage and discipline: the magic lasso and the bracelets of submission. (Call 2013, 38)

Wonder Woman: #12

Wonder Woman, The New 52: #12

Während das „magic lasso“, Gegner fesselt und sie zu einem wahrheitsgetreuen Geständnis zwingt, sind die Armbänder nicht nur ihre ultimative Verteidigung, sondern auch Zeichen ihrer Unterwerfung gegenüber Aphrodite, der Liebe und ihrer Aufgabe. In Martons Philosophie bedeuten sie außerdem, „that she was always in bondage and subject to discipline herself.“ (Call 2013, 40)

By pledging to submit to a loving authority, serving love & humanity (altruism), the Amazons protect themselves from evil & corruption–mainly from within–by not succumbing to their personal ego’s destructive wills. This helps ensure that they use their abilities for unselfish purposes.

WMM advised that women can work wonders with their minds if they only get their emotions under control, as women’s emotions can be both the source of their strength & their downfall. (Jett 2015)

Die späteren Comics brechen jedoch mit Marstons Bondage-Feminismus, wie die Hochzeitsszene in den The New 52 zeigt:

Hades_WW1Hades_WW2Während die Bondage-Elemente über die Jahrzehnte verschwanden und auch der Pazifismus einem martialem Kampf wich, blieb doch Wonder Womans Status als feministisches Idol und ihre Kritik an „männlicher“ Gewalt und Kriegsführung.

Ares vs Aphrodite

For Amrhein, the Wonder Woman story is “fundamentally about the power of love over war, sisterhood, and empowering women:”

This is where many of her modern creators stumble. Once the character or story loses sight of these themes, things quickly fall apart. At best, we’re left with a generic superhero story. At worst, we’re left with something offensive and antithetical to Wonder Woman’s intent. (Romano, 2015)

Der Konflikt, dass Friede durch Gewalt geschaffen wird und Krieg ein existenzieller Bestandteil unserer Gesellschaft ist, steht im Zentrum der aktuellen Comics The new 52. Diana übernimmt Ares‘ Funktion als Kriegsgöttin und wehrt sich dagegen, da sie damit gegen ihre Verpflichtung und innere Moral verstoßen würde. Der Konflikt von Gewalt und Friede spiegelt sich in den traditionellen Prinzipien des Männlichen und Weiblichen wider, daher fordern Kriegerprinzessinen per definitionem diese Dualitäten heraus und versuchen gleichzeitig diese aufzuheben – paradigmatisch war die Entwicklung von Xena. In The New 52 wurde der Konflikt bisher nicht gelöst, sondern nur die Folgen fehlender Regulierung durch Kriege und Revolte diskutiert. Vor dieser Serie war der Konflikt noch immanenter:

Ultimately, Wonder Woman has never really been the hero she could be. Even in the Golden Age she was still objectified and her nonviolence used as a stand-in for female sexual submission. Ultimately, we’ve never actually seen a Wonder Woman who’s been empowered enough to radically commit to ideals of peace and love, without being sexualized, objectified, briefly (or totally) compromised, or undermined by her own narrative in the process. (Romano, 2015)

Entwicklung

Wonder Woman musste sich erst zu dieser Schlüsselfigur des Feminismus und Kriegerprinzessinen-Ethos hin entwickeln. Über 7 Jahrzehnte ranken sich schon die Geschichten um Wonder Woman und veränderten sich mit ihrer Hauptfigur in Reflexion der jeweiligen Zeit und den Intentionen der vornehmlich männlichen Künstler, wie Alex Abad-Santos so trefflich zusammenfasst:

Essentially, Wonder Woman is a figure of feminism that has been historically written and drawn by men (like a lot of the characters who exist in the comic book universe). So perhaps it’s better to think of the character as someone who, throughout the years, has reflected what men believe powerful women to be.

So wurde in den 1960er Jahren – oder im Silver Age  aus der Bondage-Feministin, Amazonenprinzessin und mythologischen Superheldin eine menschliche, domestizierte Agentin, die sich vor allem um eines sorgte:

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Wonder Woman #181, 1968

In der darauffolgenden Ära, dem Bronze Age fand sie zwar zurück zu ihren mythologischen Ursprüngen und Superkräften, heiratete letztlich aber ihren love interest und damsel in distress.  Heirat und Kriegerprinzessin!? Das kann ja nicht gut gehen. Und schon wurde im Modern Age die Ehe zur Freundschaft annulliert und er mit ihrem Sidekick verheiratet – Wonder Woman war wieder zurück!

wonder-woman-perez-vs-gadot

L: Art by George Perez, color by Mina Rho (2009); R: Promo photo for Wonder Woman in Batman Vs Superman, 2014

Perez, a legendary comics artist and writer, wrote Wonder Woman from 1987–1992, streamlining her origin story, tying it more directly to mythology, and making her considerably more warlike in the process. Among other things, while still maintaining her ostensible commitment to nonviolence, Perez’s Wonder Woman grew increasingly prone to indulging in violence as a solution. (Romano 2015)

Die Gewalttätigkeit wird 2011 in den (super coolen) The New 52 von Brian Azzarello wieder relativiert und ihre Origin Geschichte erhält eine tiefere, mythologischere Wendung. Sehr lesenswert!

Rollentausch

Bei Fanthagiro hatten wir bereits einzelne Szenen, in denen die Prinzessin ihren Geliebten rettet, so auch bei Wonder Woman: die ersten Comics und auch die TV-Serie übertreiben diesen Rollentausch sogar ins Extreme.

Steve Trevor, modeled from the Orion archetype, was portrayed as an American military hero who often fought battles both alone and alongside Wonder Woman. At the same time, he was also a traditional superhero’s love interest, a gentleman-in-jeopardy: getting kidnapped and requiring rescuing from peril by Wonder Woman, as well as pining after the superheroine in the red-and-blue outfit while failing to notice her resemblance to his meek, bespectacled co-worker Diana Prince. Wikipedia

Nachtrag zu Wonder Woman (Film): 8.7.2017

Die erste Verfilmung hat die Wonder Woman Geschichte zwar in ihrem Setting verändert, aber das Wesentlichste bleibt bestehen und wurde nur vertieft. Vor allem die Kriterien einer Kriegerprinzessin stehen noch mehr im Vordergrund: Die Coming-of-Age Erzählung (wie es Gal Gadot in einem Interview 2016 ankündigte) zeigt wie aus der jungen Prinzessin eine Kriegerin wird. Zum ersten Mal werden ihre Motivation und ihr Idealismus detailliert und feinfühlig dargestellt. Sie ist ein Mädchen, das die Kampfkunst liebt und angetrieben von ethischen Idealen und Heldengeschichten wird. Über den Film hin werden diese gutgläubigen und idealistischen Vorstellungen mit der Realität konfrontiert, bis hin zum finalen Konflikt: Was ist stärker ihr Glaube an die Liebe und das Gute im Menschen, oder der Krieg und all das Übel der Welt? Personifiziert wird letzteres wieder durch Ares, der sich im Film als „God of Truth“ vorstellt. Es ist diese „Wahrheit“, mit welcher Diana zuvor konfrontiert wurde: Im Menschen liegt sowohl Gutes als auch Böses. Auch im Film lehrt Ares sie, ihre volle Kraft zu nutzen und ihre Ideale zu hinterfragen. Es endet jedoch anders als in The New 52 mit seinem Tod und sie bleibt die reine, stärkere und gute Superheldin.

Ihre athenischen Jungfräulichkeit scheint die Kriegerprinzessin zu verlieren. Dies mindert ihre Superkraft jedoch nicht, im Gegenteil zieht sie aus ihrer Liebe sogar die notwendige Kraft um den Kriegsgott zu vernichten. Durch Trevors Märtyrertod lässt sie auf tragische Weise wieder zur einsamen, ungebundenen Kriegerin werden.

Die beiden Extreme von Marstons Pazifismus und der späteren Gewaltbereitschaft werden wie auch in The New 52 relativiert und zugleich ihrer starken Aussagekraft beraubt. Die meiste Zeit kämpft sie defensiv und lieber Kugeln abwehrt, während die Männer sich gegenseitig erschießen. Doch schreckt sie nicht davor zurück ihre Kontrahenten zu töten, Regisseurin Patty Jenkins erläutert dies in einem Interview mit IGN:

She is actually one of the superheroes, interestingly, who is not adverse to killing when necessary, which is fascinating. But she also is the least likely to do it, I think, because she will always try anything else before she will resort to killing anyone. That’s an incredible balance of Wonder Woman,(Yehl 2017)

Nachtrag zu Wonder Woman (Comics): 23.09.2019

Näheres zum Schöpfer William M. Marston, die kulturellen Hintergründe und den Beginn der Wonder Woman Comics fand ich in The Secret History of Wonder Woman von Jill Lepore. Die Autorin arbeitet anhand biographischer Details Marstons und seines Umfelds heraus, welche feministischen und psychologischen Theorien in die Comics einfloßen. Außerdem gibt sie einen Abriss der anfänglichen Rezeption, der Produktionsbedingungen und späterer Entwicklung der Figur.

Die Serie geht weiter mit Fantaghiró, Merida, Daenerys, Mulan, Xena, Brünhild, Leia, Granuaile, Sailor MoonKhutulun, Zelda, Taundril, Mononoke und Athena!

Quellen:

Albert Cheng: Gal Gadot Describes “Wonder Woman” as a “Coming-of-Age Story”. 2017 cbr.com/gal-gadot-describes-wonder-woman-as-a-coming-of-age-story/
Joshua Yehl: Why Wonder Woman Kills. 2017 ign.com/articles/2017/05/31/why-wonder-woman-kills.
Alex Abad-Santos: Wonder Woman’s dueling origin stories, and their effect on the hero’s feminism, explained. 2017 vox.com/culture/2017/6/7/15740202/wonder-woman-origin-story-amazons-marston-explained
Brian Azzarello & Cliff Chiang: Wonder Woman. The New 52, 2011 – now.
Aja Romano: How peace-loving Wonder Woman became aGrant Morrison. In The Daily Dot 2015. dailydot.com/geek/history-of-wonder-woman-grant-morrison/
Brett Jett: Who is WW? Bracelets of submission. 2015. worldofsuperheroes.com/2015/09/who-is-ww-bracelets-of-submission
Lewis Call: Submitting a Loving Mistress: BDSM in William Moulton Marston’s Wonder Woman Comics. In BDSM in American Science Fiction and Fantasy. 2013, S. 27 – 53.
Wonder Woman. In Wikipedia: en.m.wikipedia.org/wiki/Wonder_Woman
Patty Jenkins: Wonder woman. 2017. (Film)
Jill Lepore: The Secret History of Wonder Woman. New York: Vintage Books, 2015.

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