Kriegerprinzessin: Khutulun

Heute erzähle ich euch die Geschichte einer wahren Kriegerprinzessin. Es war in den Zeiten, als das mongolische Weltreich eines der größten und mächtigsten der Menschheitsgeschichte war. Der große Kublai Khan regierte über sein Imperium, das sich von der pazifischen Küste bis zum Schwarzen Meer erstreckte. Einzig sein Cousin Qaidu rebellierte drei Jahrzehnte gegen diese Herrschaft und immer an seiner Seite: seine Tochter Khutulun, Ururenkelin des legendären Dschingis Khan.

Mongolische Mondprinzessin

Turchia si à uno re ch’à nome Caidu, lo quale si è nepote del Grande Kane, ché fue figliuolo d’uno suo fratello cugino. Questi sono Tarteri, uomini valentri d’arme, perché sempre mai istanno in guerra ed in brighe. (Marco Polo, Kapitel 195)

Zeichnung einer BogenschützinDer Anfang könnte aus einem Märchen stammen und wenn wäre es eines voller Kämpfe, denn Marco Polo berichtete von den Differenzen zwischen Qaidu und seinem Großkhan. In einem Kapitel hielt er jedoch in seinen Kriegsschilderungen inne und erzählte von Khutulun. Sie ist eine Prinzessin im Tschagatai-Khanat, einem Teil des mongolischen Imperiums in den Gebirgen Zentralasiens.

Doch was bedeutet es eine mongolische Prinzessin im späten 13. Jahrhundert zu sein? Stephen Lidell beschrieb die Kultur als tough old place, der Frauen gleichzeitig eine gewisse Freiheit einräumt. Jack Weatherford ergänzte, dass Mongolinnen bereits jung das Reiten und Schießen erlernten, um die Schafherde zu hüten. Diese Kenntnisse wurden nicht selten auch im Kampf eingesetzt. Denn der Bogen war die bevorzugte Waffe des Reitervolkes und bot Kriegerinnen gleiche Chancen im Kampf und somit eine gewisse Souveränität. So waren die Mongolen eines der wenigen Völker ihrer Zeit mit Kriegerinnen.

Mongolische Reiterinnen mit tödlichen Schießkünsten erinnern mich natürlich sofort an Artemis und ihre Nymphen oder die Amazonen. Und welch Zufall, dass Marco Polo den Namen Khutulun – oder Aigiarne wie sie von ihm genannt wird – mit „lucente luna“ übersetzte! Ist sie gar eine asiatische Mondprinzessin, wie Sailor Moon? Vermutlich nicht, aber vielleicht hat der Mond eine ähnliche Bedeutung wie in der mediterranen Antike? Gibt es auch eine mongolische Mondgöttin, die Krieg und Weiblichkeit zusammenführt?

In der New World Encyclopedia fand ich Bestätigung für meine Vermutung:

Moon (Ai) was a daughter of Tengri and Earth. Ancient Turks were frightened of the goddess Moon and at the same time they loved Her. The moon was represented as a lady and as a symbol of the night, the time when malicious spirits emerge from all holes, when witches conducted rituals and robberies and murders took place. At the same time, the Turks trusted the magic force of the Moon. To please Moon those born during a full moon were given names such as Aisylu, Aituly, Ainir, Aizirek, and Ainaz. Turks associated the cycles of the moon with fertility and birth. (New World Encyclopedia)

Folglich wäre die Namensgebung eine Huldigung einer mongolische Mondgöttin, der Artemis ähnliche Eigenschaften zugeschrieben werden. Ich war getriggert und wollte mehr über diese Ai herausfinden. Doch die weitere Recherche ergab nur, dass die mongolische Religion vor allem nach Dschingis Khan eine monotheistische war. Trotz Schamanismus, etlicher Mythen um niedere Gottheiten oder Naturgeister und der starken Einflüsse der Weltreligionen widerlegt P. Wilhelm Schmidt, dass Tengri, der blaue Himmel, der einzige und allmächtige Gott der Mongolen war.

Schade, aber vielleicht war es ja eher Marco Polo, welcher ihr mit Diana eine für sein italienisches Publikum vertraute Konnotation geben wollte…

Erkämpfte Jungfräulichkeit als Culture Clash

Claudia Kim als Khutulun in der Netflix-Serie "Marco Polo"

Claudia Kim als Khutulun in der Serie „Marco Polo“ Netflix. 2014-16.

Der venezianische Händler schilderte in seinen Reiseberichten von einer außergewöhnlichen Episode aus Khutuluns Leben:

Qaidu gewährt seiner Tochter den Wunsch nur den Mann zu ehelichen, der sie im Ringen besiege. Für die Herausforderer stehen nicht nur ihre Ehre sondern auch hundert Pferde auf dem Spiel. Zahlreiche Männer stellen sich dieser Herausforderung und verlieren. Dadurch wird der Khan zwar reicher, aber es bringt ihn auch zunehmend in eine unangenehme Situation.

Die Erzählung erweckt bei mir Erinnerungen an Märchen, in denen die Heirat einer Prinzessin an das Lösen eines Rätsel oder einer schwierigen Aufgabe geknüpft sind – und natürlich an unsere Kriegerprinzessin Brünhild! Sir Henry Jules verweist auch auf Ibn Batatus Kriegerprinzessin Urduja und Herodots Sauromatae, deren Geschichten starke Parallelen zu Khutulun zeigen. Interessant ist vor allem, dass die Erzählungen von Khutulun, Brünhild und Urduja relativ zeitgleich und doch auf unterschiedlichen Kontinenten niedergeschrieben wurden.

Man könnte mutmaßen, dass Khutulun der historische Ursprung dieses Stoffes sei. Janice Ngiam stellte jedoch die historische Korrektheit Khutuluns Geschichte stark in Frage. Weiters forderte sie (bzw. initiiert von Eran Shor) auf, den Kontext der Erzählungen dieses Themas zu untersuchen – Challenge accepted! Ngiam verweiste auf den Kulturbruch zwischen mongolischen Nomaden und der Monarchie von Kublai Khan. Khutuluns Vater, der Khan, steht in Opposition zu Kublais Eroberungspolitik, Offenheit gegenüber anderen Kulturen und Sesshaftigkeit. Khutulun repräsentiert vollends die nomadische Kultur, wie Rossabi so treffend herausarbeitete:

Khaidu stood in opposition to Khubilai’s increasingly sedentary lifestyle, and Khutulun’s portrayal is interpreted to stress this position. […] Khutulun’s rejection of the governor’s settled lifestyle in marriage, preferring combat and the pastoral nomadic society is apparently testament to this (Rossabi, 105).

Ähnlich wie schon bei Brünhild ist die Kriegerprinzessin hier Teil der „alten“ und besiegten Kultur. Die „Chronisten“ der Geschichten gehörten keiner der beiden Kulturen an. Marco Polo zum Beispiel stand zwar klar unter dem Schutze Kublai Khans, doch sein Hintergrund und auch sein Publikum war das christlich-patriachale Europa. Als einzige Anekdote aus dem Privatleben von Qaidu erweckt diese stark überzeichnete Geschichte einer emanzipierten, ledigen Prinzessin zwei Eindrücke: Sie zeichnet den „besiegten Feind“ als gefährlichen und würdigen Kontrahenten aus und gleichzeitig beschreibt sie die Kultur als befremdlich und außerhalb der sozial-moralischen Norm. Bemerkenswert ist, dass Marco Polos Khutulun nicht wie Brünhild gebrochen und verheiratet wird. Diese Exotik zeigte Wirkung, wie die nachweislich direkten Adaptionen, zum Beispiel Friedrich Schillers oder Giacomo Puccinis Turandot, zeigen, doch diese ersetzten die emanzipierte Kriegerprinzessin mit einer romantisierten, angepassten Rätselbraut.

Abgesehen von der Intention der Autoren und der zweifelhaften Historizität teilen alle Prinzessinnen die Notwendigkeit, ihre Unabhängigkeit und ihr „Ausscheiden“ am Sichern der Erbfolge und dem Fortbestand der Sippe zu rechtfertigen. Der Lebensstil einer Kriegerin steht diametral zu den Aufgaben einer Ehefrau und Mutter, daher folgt Khutuluns Geschichte dem biographischem Schema royaler Kriegerinnen: Ihre liberale Erziehung und die martiale Kultur der Mongolen ermöglicht, dass sie sich der Kriegskunst widmen kann. Da sie unverheiratet ist und als Khantochter keine existenziellen Verpflichtungen hat, kann sie dieser Leidenschaft frei nachgehen. In einigen Überlieferungen, wie der von Rashid al-Din, heiratet sie letztlich aus Liebe, und Jack Weatherford arbeitete heraus, dass sie auf Grund von inzestuösen Gerüchten auf eine Ehe einlässt.

Mongolische Reiterkriegerin

Kriegerin statt Khan

In einer Welt voller Krieg und nach mongolischer Lebensweise wuchs die Prinzessin auf, sie erlernte das Bogenschießen, das Reiten und vor allem das Wrestling bis hin zur Perfektion. Athletische Stärke und Unbesiegbarkeit im Ringen waren bei einem Kriegsvolk wie den Mongolen heilig. So umgab Kuthulun schnell eine mythische Aura und sie wurde zur idealen Begleiterin ihres Vaters im Kampf gegen den Großkhan Kublai (vgl. Weatherford). Marco Polo beschrieb sie als gefährlichen Falken:

E vo’ che sappiate che lo re Caidu si menò questa sua figliuola in piú battaglie. E quando ella era a le battaglie, ella si gittava tra li nimici sí fieramente che non era cavaliere sí ardito né sí forte ch’ella nol pigliasse per forsa; e menavalo via, e facea molte prodesse d’arme. (Marco Polo, Kapitel 195)

Die englische Übersetzung von Henry Jules ergänzt: „Sometimes she would quit her father’s side, and make a dash at the host of the enemy, and seize some man thereout, as deftly as a hawk pounces on a bird, and carry him to her father; and this she did many a time.“ (Jules, Chapter 4) Auch wenn Khutulun eine Legende war, waren Kriegerinnen keine Seltenheit unter mongolischen Frauen. Mädchen verbrachten „their early years on horseback and drinking the rich blood of their horses rather than take time to de-camp and take things easy.“ (Liddell) Das mag eine übertriebene Darstellung sein, doch kommandierten einige mongolische Adelige Armeen. „Dschingis Khan betrachtete seine Töchter als den Söhnen überlegen, hinsichtlich ihrer Führungsqualitäten, und übertrug ihnen Königreiche, die sie mit Klauen und Zähnen verteidigten (nicht selten gegen ihre eigenen Brüder).“ (Rodriguez) Dass die Mongolen Bogen und Pfeil als Waffe dem Schwert bevorzugten und bei dieser Kriegsführung Geschick über reine Stärke siegen konnte, erkennt Liddell als Grund für den Einsatz von Frauen und Männer gleichermaßen.

Angeblich sei sie für ihren Vater nicht nur wegen ihrer Stärke und ihres Rufes von Bedeutung gewesen, denn sie beriet ihn auch militärisch, strategisch und politisch. Es wurde weiters spekuliert, dass Khutulun die Erbin des Khanats wäre und sie sich jedoch für ihren Bruder Orsu als Nachfolger einsetzte. Auch wenn ihr dies nicht gelang, führte sie weiterhin das Militär an und wäre eine mächtige Frau im Khanat gewesen. Liddell folgerte, dass dies ihren eigentlichen Wünschen entsprochen hätte: „On the other hand, Khutulun was very much a traditionalist and she always believed the Mongols should stay tough and adhere to their old martial qualities and not become soft sedentary people and so taking control of the military might have been just what she was wanting.“

Gewiss ist jedoch, Khutulun ist bis heute eine Idol der mongolischen Kultur und verkörpert die Stärke und unbeugsame Freiheit ihrer Landsleute. In der dramatisch inszenierten Serie Marco Polo könnt ihr einen Eindruck dieser für uns doch so fremden Zeit und ihrer Protagonisten bekommen – mir hat es Spaß gemacht darin einzutauchen und diese wunderbare Kriegerprinzessin zu entdecken.

Nachtrag 15.8.2018:
Eine kleine Ergänzung zur Bedeutung des Mondes, die ich nachträglich noch gefunden habe: Ágnes Birtalan erläutert die mongolischen Begriffe „Naran, Saran“ als Sonne und Mond, die „meistens zusammen erwähnt […], sind die beiden Beschützer der Menschen, der Gerechtigkeit und […] der Fruchtbarkeit“ (S. 1014). In den Erzählungen werden sie als Geschwister oder Ehepaar, mal weiblich mal männlich dargestellt. Es deckt noch nicht meine These der Verbindung zu Mondgöttinnen, aber vielleicht steckt doch noch etwas dahinter…

 

Noch mehr Kriegerprinzessinnen? Die Serie geht weiter mit Fantaghiró, Merida, Daenerys, Mulan, Xena, Leia, Athena, Granuaile, Sailor Moon, Zelda, Taundril, Mononoke, Fiona und Wonder Woman.

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Quellen:

Marco Polo and Rustichello of Pisa: Il Milione 1298. it.wikisource.org/wiki/Milione/195

Marco Polo and Rustichello of Pisa: The Travels of Marco Polo. Band 2, Buch 4, Kapitel 1. 1903.(Übersetzt und kommentiert von Sir Henry Jules) Originaltext: Il Milione. 1298.
en.wikisource.org/wiki/The_Travels_of_Marco_Polo/Book_4/Chapter_4

Ágnes Birtalan: Die Mythologie der mongolischen Volksreligion. In: Wörterbuch der Mythologie. Bd. 7. Götter und Mythen in Zentralasien und Nordeurasien. hg.v. Schmalzriedt und Haussig, 2 Teil. Klett-Cotta, 2004.

Stephen Liddell: Khutulun – The Mongolian Wrestler Princess, 2016. stephenliddell.co.uk/2016/03/21/khutulun-the-mongolian-wrestling-princess/

Linda Rodriguez McRobbie: Princesses Behaving Badly: Real Stories from History Without the Fairy-Tale Endings, Quirk Books; 2013.

Janice Ngiam: KHUTULUN (BORN IN 1260 C.E.), 2017.
tributaryprincesses.wordpress.com/2017/11/21/khutulun-born-in-1260

P. Wilhelm Schmidt: Der Ursprung der Gottesidee; eine historisch-kritische and positive Studie. 3. Abteilung: „Die Religionen der Hirtenvolker IV.“ Band X: Die Asiatischen Hirtenvölker: Die
sekundären Hirtenvölker der Mongolen, der Burjaten, der Yuguren, sowie der Tungusen
und der Yukagzren. Verlag Aschendorff, 1952.

Morris Rossabi: Khublai Khan: His Life and Times.  Univ. of California Press, 1988.

Jack Weatherford: „The Wrestler Princess“ In Lapham’s Quaterly, 2010. laphamsquarterly.org/roundtable/wrestler-princess

„Khutulun“ In Wikipedia. en.wikipedia.org/wiki/Khutulun

„Tengriism.“ In: New World Encyclopedia, 2015. newworldencyclopedia.org/p/index.php?title=Tengriism&oldid=992103.

„Tengriism.“ In: Wikispaces, tengrism.wikispaces.com

Bildhinweise:
Bedauerlicherweise konnte ich nicht alle Bildrechte herausfinden. Gerne hole ich dies nach, bitte hierfür ein Kommentar hinterlassen.
Thamga von Kaidu © Bahatur

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