Kriegerprinzessin: Granuaile

Für mich ist Irland ein Land voller Mythen um Kobolde, Feen und große Helden. Eine der Legenden, die mich vor einem Jahr nach Irland zog, erzählt von Gráinne Uí Mháille: Königin von Umaill, Clanoberhaupt, rebellische Piratin, oder simpel Queen of the Pirates. War ich vielleicht gar auf den Spuren einer wahren Kriegerprinzessin?

Granuaile – Queen of Storms

Granuaile – Queen of Storms

Fakt oder Fiktion?

Zum ersten Mal in meiner Liga der Kriegerprinzessinnen, haben wir es nicht mit einer Figur der Fantasie, sondern mit einer historischen Persönlichkeit zu tun! Doch ihre Lebensgeschichte und ihr Geschlecht, wie ihre Biographin Judith Cook annimmt, passten nicht in das Bild der zeitgenössischen Historiker, daher wurde sie für Jahrhunderte nicht in die Annalen und Chroniken aufgenommen. Eine Geschichte, wie die ihre, verschwindet jedoch nicht einfach so. Denn in Erzählungen und Liedern erhoben die Iren bis heute Gráinne oder auch Grace O’Malley zu ihrer Ikone der Freiheit und Unabhängigkeit: Als Nachfolgerin eines irischen Clanchefs, Piratin und Rebellin gegenüber der Politik von Königin Elisabeth I. wurde sie zum Nationalmythos und feministisches Vorbild:

Nationalists later lionised her as Gráinne Mhaol, a warrior who would come over the sea with Irish soldiers to rout the English. She finally became an icon of international feminism, both as an example of a strong and independent woman and as a victim of misogynistic laws. (Murray, 2005)

Ihre Biographie gleicht daher der irischen Küste. Aus einer stürmischen Epoche ragen die wahren Ereignisse ihres Lebens in trotziger Wildheit heraus, umspült und gepeitscht von schäumender Fantasie. Um Gráinnes Geschichte in ihrer Gänze zu erfassen, werde ich hier sowohl die belegten, wie auch die mystifizierten Aspekte zusammentragen.

Queen of Pirates

Sitz der O'Malleys: Clare Castle

Sitz der O’Malleys: Clare Castle

Alles begann als der Chieftain Owen O’Malley den Wunsch seiner Tochter, mit ihm auf hohe See zu stechen, mit den Worten abtat: „Frauen haben nichts auf einem Schiff zu suchen, da verheddern sich nur die langen Haare im Tauwerk.“ Doch der innere Ruf nach Abenteuer war viel zu stark, um sich von gesellschaftlichen Konventionen oder den väterlichen Worten abhalten zu lassen. Kurz darauf stand das junge Mädchen trotzig und mit geschorenem Kopf vor ihm, bereit für ihre erste Seefahrt. Mehr als Ärger rief ihr Verhalten verhaltenen Stolz in ihrem Vater hervor, so verbrachte sie ihre Jugendjahre an seiner Seite und lernte das Handwerk der Navigation und des Handels. Ihre kurzen Haare brachten ihr schnell den Namen „Gráinne Mhaol“ (bedeutet kahl oder geschoren, laut Wikipedia), im Englischen „Granuaile“.

Im Irland des 16. Jahrhunderts repräsentierten die Chieftains („or ‚kings‘ as some preferred to style themselves“ Cook 2004, S. 4) die gälische Aristokratie, konträr zur englischen Regierung. Dies machte Gráinne in gewisser Weise zu einer Prinzessin. Die Bürde einer adeligen Tochter der mächtigsten Handelsfamilien Irlands holte sie schnell vom Schiff ins Ehebett und in die Kinderstube. Die arrangierte Ehe mit dem Nachfolger des O’Flaherty Clanchiefs hielt zwar nur wenige Jahre, doch brachte sie der jungen Witwe nicht nur drei Kinder, sondern auch drei Galleeren, etliche Boote und eine „‘maintenance by land and sea’. The legend of the ‘pirate queen’ of Connacht was born.“ (Murray, 2005) Die neugewonnene Freiheit und die Loyalität der Clans brachte sie auch wieder auf das Schiff. Mit viel Erfolg setzte sie den Handel und die Piraterie der O’Malleys fort, so dass ihr Reichtum und ihre Macht sogar der britischen Regierung unangenehm wurde.

Rebellion gegen England

Das Elisabethanische Zeitalter steht für das Ende der gälischen Kultur und den Sturz der irischen Führungselite, wie sie Gráinne kannte und verkörperte. Dies geschah natürlich nicht ohne Widerstand, und die junge Clanchefin wurde schnell das Sinnbild für diese Revolution (mehr zur politischen Situation bei Murray 2005). Zusätzlich zu ihren Clansmännern standen ihr auch die gefürchteten, schottischen gallowglass Söldner zur Seite und kämpften und raubten unter ihr. Ihr größter Kontrahent Sir Richhard Bingham nannte sie „nurse to all rebellions in the province for this forty years“ (Chambers 2003, S. 52).

The meeting of Grace O'Malley and Queen Elizabeth I (a later illustration from Anthologia Hibernica, vol. 11, 1793)

The meeting of Grace O’Malley and Queen Elizabeth I (a later illustration from Anthologia Hibernica, vol. 11, 1793)

Plündereien und Angriffe verschafften ihr Reichtum, Respekt und Macht, aber am Ende verlor sie alles und der Schmerz blieb, als einer ihrer Söhne getötet und die anderen beiden von ihrem Erzfeind Sir Richard Bingham gefangen gehalten wurden. Doch selbst am Tiefpunkt ihres Lebens gab sie nicht auf, sondern segelte die über 60-jährige Irin direkt nach England, um bei Königin Elisabeth I. die Freilassung ihrer Söhne zu erbitten.

Das royale Treffen sahen manche Biografen als Verrat an ihrem Volk an, für Anne Chambers war es viel mehr ein politischer Schachzug und heroischer Akt einer Mutter. Letztlich war das Gespräch jedoch wenig erfolgreich: die Frauen einigten sich zwar, doch kurz nach ihrer Rückkehr bemerkte Gráinne, dass die königlichen Versprechen nicht eingehalten wurden. So wandte sie sich wieder vom britischem Königreich ab und unterstützte die Iren im Neunjährigen Krieg. Mehr über ihr Leben erzählt Lucy Lawless in ihrer Warrior Woman Serie:

 

Abseits von Rollen und der Kampf gegen

 

Ähnlich wie Brünhild steht Gráinne am gewaltsamen Ende einer Kultur. Während die Königstochter aus der Nibelungensage die Freiheiten der germanischen Kultur verkörperte, rebelliert die irische Piratin ein Millennium später gegen die gälischen Zwänge. Nach damaligen irischen Gesetz galten Frauen als „legally incompetent“ und waren in keiner Weise mündig (O’Connell 2010, S. 18). So musste Gráinne sich gegen die patriachalen Strukturen immer wieder behaupten, wie Anne Chamber so pathetisch zusammenfasst:

Granuaile, as one of her male detractors wrote of her, ‚a woman who overstepped the part of womanhood‘, who allowed neither social, political nor religious convention to deter her […] As wife, however, convention did not deter her from superseding her more reckless first husband in his role as chieftain or from avenging his death. Neither did it deter her from divorcing her second husband who, form Sidney’s observation above, would seem to have been content to walk in her shadow. As a mother, much to Queen Elizabeth’s amazement, she did not hesitate to ‚chastise‘ one son by attacking his castle and driving off his cattle herds when he foolishly allied with her sworn enemy, or from saving the life of her youngest son when her ship was attacked by North African pirates. When Gaelic law spurned her as a female chieftain, leading by example, both by land and by sea, she endured the same danger and hardship as her followers. Her ability and success rendered the salic code, which debarred women leaders, redundant. Contrary to law, custom and social mores, her daring and charisma made her leader of an army of 200 men captain of a fleet of ‚galleys‘ – the versatile cargo-cum-plunder-com warships of the period. (…) On the military front she personally led her ‚army‘ on the battlefield against individual English military generals who tried to curb her power, eventually becoming a matriarch, not merely of her own followers and extended family, but of neighbouring clansmen (…). And her maritime skills gave her role a double edge. (Chambers 2006, Introduction)

So absurd es auch klingt, bot das Gesetz irischen Frauen auch gewisse Freiheiten: Scheidungen, Polygamie und erneute Eheschließung wurden toleriert. Außerdem gab es schon vor dem 16. Jahrhundert legale Ausnahmesituationen, wie Lisa M. Bitel (S. 20 ff) ausführt, in welchen Frauen sich über ihre Unmündigkeit hinwegsetzten oder von ihrem Patriarchen zur vollwertigen, legalen Status erhoben wurden: „Within the confines of their texts and typologies, lawyers would not even formally recognize women who completely evaded legal categories. Laws did not seek to regulate the kinds of actions taken by the aggressive women so familiar from other kinds of texts, such as sagas and saints‘ lives. The warrior queen who flagrantly practiced adultery (…).“ (Bitel 1996, S.22) Auch Graínne war eine dieser aggressiven Kriegerköniginnen, die diese Freiheit in jeder Weise genoss – ganz im Kontrast zum Keuschheitsprinzip von Athena.

Die keltisch-gaelische Mythologie bot auch starke Vorbilder für Gráinne, wie „Maeve, Grania, and golden-haired Deirdre as stern and gorgeous mothers of the modern Irish. Convinced that early Ireland had been a golden age in every way–even proud of its barbarous violence–they touted it also as a Celtic paradise of warrior queens and fairy women, unique in ancient Europe.“ (Bitel, 1996) Diese Mythen prägten die irische Kultur schon seit Jahrhunderten, auch wenn der Alltag der irischen Frauen wenig mit ihnen zu tun hatte. Gráinne war die große Ausnahme – der lebendig gewordene Mythos einer Kriegerprinzessin.

 

Die Serie geht weiter mit Fantaghiró, Merida, Daenerys, Mulan, Xena, Brünhild, Leia, Wonder WomanSailor Moon, Khutulun, Zelda, Taundril, Mononoke und Athena!

Quellen:

Lisa M. Bitel: Land of Women: Tales of Sex and Gender from Early Ireland. Cornell University Press, 1996.

Judith Cook: Pirate Queen: The Life of Grace O’Malley. Mercier Press, 2004.

Theresa D. Murray: „Gráinne Mhaol, pirate queen of Connacht: behind the legend“ In Early Modern History (1500–1700), Features, Issue 2 (Mar/Apr 2005), Volume 13. historyireland.com/early-modern-history-1500-1700/grainne-mhaol-pirate-queen-of-connacht-behind-the-legend/

Anne Chambers: Granuaile: Grace O’Malley – Ireland’s Pirate Queen. Gill & Macmillan Ltd, 2006.

Anne-Marie O’Connell: „Grainne Ní Mhaille or „Granuaile“. An Irish Woman, a Chieftain & a National Symbol.“ In Revue Civilisations, 2010, Combat(s) de femme(s), S.15-44. <halshs-01325945> halshs.archives-ouvertes.fr/halshs-01325945/document

Dave Hendrick & Luca Pizzari: GRANUAILE: QUEEN OF STORMS. O’Brien Press Limited, 2015.

Grace O’Malley. In: Wikipedia, Stand 20.3.2017. en.wikipedia.org/wiki/Grace_O%27Malley

 

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