Interaktive und automatisierte Generation von fiktiven Welten

Jedes Rädchen ineinander greifend erwachen majestätische Städte, magische Bäume, …
Die Welt von A Song of Ice and Fire entsprang aus der Imagination von George R. R. Martin, doch zeigt das legendäre Intro der HBO-Verfilmung ein ausgeklügeltes System, welches mit zahnradgetriebene Mechanik diese komplexe Landschaft von Westeros nachbildet.
Die human-technologische Kollaboration zur Entstehung fiktiver Welt beschäftigte mich die letzten Monate. Das Resultat daraus ist meine Diplomarbeit mit dem bezeichnenden Titel „IndieBook. Interactive and Automatic Generation of Fiktive Worlds“. In meinem Konzept bekommt der Leser oder die Leserin die Möglichkeit, aktiv die ein Setting mit personalisierten Charakteren mit zu kreieren. Diesem liegt ein sich aufbauendes Konzept namens IndieBook zu Grunde: So muss zuerst das Weltmodell bestimmt werden, dann das zeitliche, räumliche, soziale Setting. Diesen entsprechend variieren die Charaktere und die Handlungen. So dreht sich jedes kleinste Rädchen gemäß den großen und aus diesem Zusammenspiel entstehen fiktive Welten. Diese könnte daraufhin zu einem individualisierten Buch, Computerspiel etc. weiterverarbeitet werden.

Besonders spannend für mich war nicht nur die theoretische Erarbeitung dieses Konzepts, sondern auch die vielen Diskussionen mit Freunden, Kommilitonen und Dozenten rund um diese Idee. Von ungläubiger Faszination bis dystopischen Gedanken wurde ich mit so ziemlich Allem konfrontiert: Ein Computer kann rechnen, aber doch nicht komplexe, eigenschöpferische Kreationen generieren? Was für Welten würde so eine künstliche Intelligenz erschaffen? Und wer wäre schon interessiert an einer selbstgestalteten oder automatisierten Welt? Sehr überraschend sind diese Fragen und Ängste nicht, wenn man in der Geschichte der Technologie zurückblickt. Janet H. Murray, die Pionierin auf dem Gebiet des Interactive Storytelling, meinte dazu:

The birth of a new medium of communication is both ehilarating and frightening. Any industrial technology that dramatically extends our capabilities also makes us uneasy by challenging our concept of humanity itself. [Murray, J. H. (1998). Hamlet on the Holodeck. Cambridge: MIT Press. S. 1.]

Die Kreativität einer Maschine ist für viele — vor allem kreative — Menschen noch erschreckender als das Ersetzen der Arbeitskraft oder die Veränderung der Lebensweise je sein könnte. Nach dem ersten Unglauben, kommen die Dystopien von bösartigen KIs oder sogar von der Vernichtung der Menschheit durch die Machtergreifung der Maschinen ins Gedächtnis.

Hierzu entgegnet Murray optimistisch:

[T]hese visions of the future can only be speculations, extrapolations from the current environment, which is shifting even as I write. The computer is chameleonic. It can be seen as a theater, a town hall, an unraveling book, an animated wonderland, a sports arena, and even a potential life form. But it is first and foremost a representational medium, a means for modeling the world that adds its own potent properties to the traditional media it has assimilated so quickly. […] Whether or not we will one day be rewarded with the arrival of the cyberbard, we should hasten to place this new compositional tool as firmly as possible in the hands of the storytellers. [S. 284]

Viel konkreter und ernstzunehmend sind Spekulationen und Fragen nach den Veränderungen am Buchmarkt und bezüglich der LeserInnen- und AutorInnenfunktionen durch hybride Generationsverfahren:
Polemisch behaupteten viele Kritiker, dass automatisch generierte Text wohl eher von Computern als Menschen rezipiert würden. Dies wurde begründet mit der fehlenden Ästhetik (was man heutigen Generatoren meiner Ansicht nach bereits nicht mehr vorwerfen kann oder das Verschulden der Designer ist), der mangelnden Spannung (dies wie auch andere stilistische Sünden sind bereits ausgebessert worden), dem Fehlen von sozial-kulturellen Relevanz und dem geringen Leseinteresses. Die letzten beiden Argument haben auch heute noch Bestand und fordern eine genauere Betrachtung.
Die soziale-kulturelle Relevanz wie auch das Abbilden von Gesellschaft sind kaum formalisierbar oder automatisierbar. Doch können sie vom Designer des Programms integriert werden, auch wenn der Computer die soziale Kritik nicht versteht. Letzteres wird sich wohl nur in der Praxis weisen, doch lassen die Erfolge ähnlicher Systeme (RPG, Interactive Fiction, …) auf Interesse hoffen.
Die Leserin wird durch Konzepte, wie IndieBook, mehr als die post-moderne Theorie je formulierte, zur aktiven Mitgestalterin einer Welt und Narration. Diese schon häufig diskutierte Verschiebung (Siehe z. B. theoretische Texte zu Interactive Storytelling, Hypertext, Ludologie etc.) verbirgt die Gefahr, dass die (Inter)aktion Überhand gewinnt und die Narration an Spannung, Komplexität etc. verliere. Hierzu kann man einwerfen, dass man bei IndieBook, sowie bei Computerspielen oder…., zwar die Welt, Charaktere oder sogar Handlungsmuster wählen und gestalten könne, aber der Designer könne sich die Lösung der Spannung, das Aufdecken von Geheimnissen oder ähnliche Erzählstrategien für sich bewahren.
Generell steht der Jahrhunderte lang angewöhnten kontemplativen Lektüre wieder die Cokreativität gegenüber ähnlich wie bei den Mäzenen, die den Künstlern eindeutig ihre Lesewünsche auftrugen, oder den Zuhörer, die beim Geschichtenerzähler jederzeit eingreifen können und den Tod des geliebten Helden abwenden können. Doch anders als bei Computerspielen ist die Interaktion nicht vollständig, denn obwohl die Leserin die Welt mitgestalten kann, bleibt die Rezeption traditionell passiv.

Mehr offene Fragen ergeben sich auf Seiten des Autors. Die juristischen Unklarheiten, die bereits bei interaktiven oder reproduktiven Projekten, wie den Machinimas, Mash-Ups, oder höchst intertextuellen Werken, stark diskutiert werden, sind hier noch stärker auszuhandeln, da sich der Werkbegriff relativiert. Denn es ist nicht ein Text, ob materiell oder digital, vorhanden, sondern unendlich viele Versionen und ein Konzept oder Gerüst. Dieses Gerüst ist nach dem Stil des Autors und Genrekonventionen designt und ist die eigentliche „eigentümliche Schöpfung“. Doch der Autor ist nicht der einzige Produzent, denn mehr als bei einem Buch und den diversen buchähnlichen Ausgaben sind diese Programme nur in Zusammenarbeit mit einem Team — ökonomisch effizient — realisierbar, so wie ein Film nicht nur von einer Person erschaffen werden kann. Neben dem Autor, steht ein Team von Programmierern und Literaturwissenschaftlern, dessen Kollaboration von jemanden koordiniert und finanziert wird, wodurch auch die Funktion des Verlegers nach seiner jetzigen Krise wieder gerechtfertigt würde. Im Idealfall gebe es jedoch ein Programm, ähnlich einem Textverarbeitungsprogramm oder Storyspace, in welchem man bereits vorgefertigte, narrative Elemente arrangiert und linguistische Spezifikationen konfiguriert und sich wieder die Produktion auf eine Person reduziere.
Einen bereits genannten Aspekt muss ich in diesem Kontext noch näher ausführen: Der Stil der Autorin ist maßgebliche Vorlage und Struktur für die generierten Texte. Denn daraus ergibt sich die Individualität und „Persönlichkeit“ der Werke und entsteht eine Erwartungshaltung bei den Leserinnen. Als Objekt der Stilistik sind die Eigenheiten der Schriftstellerinnen bereits seit langem untersucht und auf Wortschatz, Satzstrukturen etc formalisiert. Für die Autorin bedeute dies, dass erstens die Stile einzelner Werke oder des Gesamtwerks weitervermarktet werden können oder/und zweitens dass sie bloß an einem besonderen Stil und nicht an den eigentlichen Texten feilen müssten. Weiters erlaubt die Renaissance der Klassiker oder verstorbene Dichterinnen, worüber sich wohl nicht nur die Leserinnen freuen würden.

Every expressive medium has its own unique patterns of desire; its own way of giving pleasure, of creating beauty, of capturing what we feel to be true about life; its own aesthetic. One of the functions of early artifacts is to awaken the public to these desires, to create the demand for an intensification of the particular pleasures the medium has to offer. [S. 94]

Die gesamte Diplomarbeit ist über die Universitätsbibiliothek Wien zu lesen: Link zu IndieBook.

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